G20 meets Wahlkampf?

Montag, 21.8., sechs Wochen nach G20.
Sechs Wochen nachdem ein schließlich genehmigtes Protestcamp von der Polizei verhindert und geräumt wurde; bei dem Popup-Wurfzelte Anlass für Wasserwerfer waren. Sechs Wochen nachdem die „embedded journalists“ selbst konservativer Medien und sogar ausgerechnet der BILD live von der „Welcome to hell“-Demo twitterten und auch im Nachhinein dabei blieben: Was die Polizei bei der Verhinderung der Demonstration abgeliefert hat, spottet jeder Beschreibung. Sechs Wochen, in denen zunächst noch viel Panik verbreitet wurde, linksradikale Gewalt als DIE Gefahr schlechthin aufgebaut wurde. In denen sich aber auch nach und nach herausstellte: Was in der Hitze der Nacht und des Gefechts zum Betonplatten bewehrten Hinterhalt erklärt wurde und Truppen mit Sturmgewehren den Weg bahnte, waren nur Schaulustige, die möglicherweise Böller warfen, vielleicht aber auch gar nichts.
Jedenfalls, sechs Wochen, in denen von Anfang an viel Kritik an der repressiven Linie gegen die Gipfelgegner auch aus unverdächtigen Ecken zu hören und lesen war und in denen sich manch Schreckensszenario allermindestens als Fehleinschätzung herausstellte.

Und jetzt kommt 3sat in der Themenwoche Demokratie-Dämmerung mit einer Reportage von ZDFZoom daher und teast unter der Überschrift “ Autonom, radikal, militant? Inside linke Szene“:

Die Bilanz ist verheerend: Während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wurden mehr als 200 Polizisten verletzt. „ZDFzoom“ beobachtete die linke Szene vor und während der Gipfelproteste.

Da muss ich jetzt diesen Punkt der verletzten Polizisten vorziehen und kurz wiederholen, dass verletzt nicht dienstunfähig bedeutet und schon gar nicht krankenhauspflichtig. Verletzte Polizisten sind auch: Hitzschläge, Dehydrierung, verstauchter Fuß, Seitenstechen und immer besonders beliebt: Friendly Gas. Man pisst eben nicht gegen den Wind, wenn man ein wenig Ahnung hat. Zurück zu den Verletzten: Dienstunfähige Polizisten gab es afair weniger als 10.

Was ich nicht will, ist G20 re-diskutieren. Anlass des Posts ist der sagenhaft miese Beitrag von ZDFZoom.

Welcome to hell-Demo. „Der schwarze Block formiert sich“, ein „harter Kern“ nimmt die Vermummung nicht ab „– es kommt zur Straßenschlacht“. Das kann man natürlich schon so formulieren. Dann muss man sich aber auch die Kritik gefallen lassen, mit dem Bindestrich ein paar Fakten verdeckt zu haben: Die Demo war teilweise vermummt, aber stockfriedlich, bewegungslos und von drei Seiten eingekesselt durch einen gemauerten Flaschenhals an beiden Seiten und eine Polizeihundertschaft von vorne. Als es zur Straßenschlacht kommt, lautet der Kommentar „Flaschen und Steine gegen Tränengas und Wasserwerfer“, und im Bild fährt eben dieser Wasserwerfer scharf spritzend in die eben noch stillstehende Demo, die keine Ausweichmöglichkeiten hat, frontal hinein, spritzt die Leute von den seitlichen Mauern, auf die sie teils in Panik geklettert sind. Das erfährt aber in der „Reportage“ keine Erwähnung.

„Wir tauchen ein in die Szene“, die klandestine, abgeschottete, schwer aufzufindende. Die rein im Untergrund agierende und daher bis heute kaum bekannte Politpunkband „Slime“ wird interviewt, man traf sich in Osnabrück (vermutlich Backstage, so sah es jedenfalls den Bildern nach aus). „Bullenschweine“, seit Jahrzehnten auf dem Index – wo es heutzutage wahrscheinlich gar nicht mehr landen würde. Im Interview habe sich Dicken als Opfer von Polizeigewalt dargestellt, doch auf der Bühne „unverhohlene Aggression, pauschale Beleidigung“ mittels „All Cops are Bastards“, das als T-Shirt hochgerichtlich festgestellt nicht strafbar ist. Ach ja: Bei G20 seien sie auch aufgetreten. Diese bösen Gewalttäter von Slime und ihre „Szene“.

Dann wieder zurück zu G20 und den verletzten Polizisten. Die Feinheiten beamteter Verletzungen werden selbstredend nicht erklärt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es auf Seiten der Gipfelgegner, und selbst vollkommen unbeteiligter Anwohner, Partygänger, Passanten, ebenfalls eine erkleckliche Zahl Verletzter gab, ohne dass die jeweils unmittelbar in Akte verwickelt gewesen wären, dass eine solch brachiale Gegenwehr seitens der Polizei nötig gewesen wäre. Mehrfache Berichte aus verschiedenen Perspektiven – die dadurch den Verdacht, eine Falschmeldung sei wieder und wieder verbreitet worden, nicht allzu nahe legen – berichteten beispielsweise von einer Gruppe Personen, die auf ein Geländer zu und durch weiteres Anstürmen der Polizei darüber hinweg bzw. durch dieses hindurch gedrängt wurde, hinter dem Geländer aber ein Höhenunterschied von mehreren Metern auf eine harte/betonierte Fläche bestand. Mehrere Personen aus der Gruppe stürzten die Mauer hinunter und verletzten sich dabei schwer, es wurde mehrfach von offenen Knochenbrüchen berichtet und im Nachgang dazu noch als Krönung verzögerte Hilfsmaßnahmen und weitere Gewaltanwendung durch die Polizei. Klingt jetzt irgendwie komisch und geschraubt, ich bemühe mich aber um eine neutral gehaltene Schilderung meiner Erinnerung an die diversen Berichte.

Als Zentrum der linken Umtriebe wird Berlin ausgemacht und ausgiebig Stellungnahmen eingeholt von der dortigen, eigentlich doch noch recht frischen RRG-Regierung. Fein säuberlich die Parallelen hervorhebend, die die Politiker bei ihren Aussagen mit den kriminellen, schier terroristischen Gewalttätern der linken Szene verbinden.

Der Beitrag schließt mit dem menetekelnden Fazit:
„Die Sicherheitsbehörden haben gewarnt. Es war die Politik, die das wohl unterschätzt hat. Jetzt muss sie Antworten finden auf drängende Fragen zum Thema Extremismus von Links.“

Die journalistischen Schwächen, gepaart mit der Rethorik „wir tauchen ein in die Szene“ – und fanden dabei seltsamerweise immer offene Leute vor, die freigiebig Auskunft gaben, unvermummt, ohne Stimmverfälschung und Schattenleinwand –, die kaum verhohlene Gleichsetzung von Politikern, die sich zu Antifaschismus und Antirassismus bekennen mit der halb im Untergrund agierenden „linken Szene“ und dem mahnenden Schlußwort, das auch noch mal fürsorglich die aufpeitschenden, Terror konstruierenden ‚Sicherheitsbehörden‘ in Schutz nimmt, hinterlässt der Beitrag bei mir nur einen Eindruck: Recht gezielt zum Wahlkampf gelauncht und im Auftrag des ZDF produziert eventuell bis vermutlich wohltätig gesponsort aus der Richtung INSM und Interessenverwandte.
- Wenn ein Fernsehbeitrag einer ansonsten relativ guten Reportagereihe einen so eklatant miserablen Ausreißer hinlegt, muss man sich doch fragen: Cui bono.

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Zum Erinnern an G20 ein paar (Tausend) Links aus meiner subjektiven, tendenziösen, persönlichen Sammlung

… ich könnte noch stundenlang weiter Links hier einkopieren. Die Twitter-Links sind übrigens keine „ich werd grade verprügelt“-Einzelmeldungen, sondern Screenshots von oder Links zu ‚offiziellen‘ Meldungen

Sei großzügig – spende den Tafeln! Pfui!

Tafeln stoßen mir schon lange auf. Weil ich heute im Affekt andernorts einen Kommentar geschrieben hab, paste ich den jetzt hier auch her, Zeit wird’s.

Vom Sozialstaat zum Gnadenstaat? „Ihr ALG2 reicht nicht, gehen sie zur Tafel!“ ist schon gängige Ansage bei den JCs, die Tafeln selbst sind ausgelastet, haben lange Wartelisten. teilweise „beschäftigen“ sie dann noch selbst Transferempfänger auf AGH-/1€-Job-Basis, die können dann gleich am Einsatzort ihren Lebensunterhalt damit decken, was ihnen die Gesellschaft gnadenhalber zur Resteverwertung zukommen lässt.

Die Abartigkeit, dass eine Gesellschaft mit derartiger Produktivität gleichzeitig wieder auf Almosen, Armenspeisungen und Suppenküchen angewiesen ist, wird nur dadurch nicht offensichtlich, dass lange genug kolportiert wurde, die Klientel sei ja schließlich ohnehin nur alkoholabhängig, asozial, Minderleister und generell selbst schuld an ihrem wirtschaftlichen Zustand.

passend dazu sagt man auch nicht mehr „arm“, sondern „sozial benachteiligt“, obwohl letzteres in seinen wirklichen Auswirkungen (Mobbing, Statusverlust, Vereinsamung, eingeschränkte Mobilität, …) real nur die Folge von ersterem, also Unterfinanzierung ist und unterschwellig ebenfalls die Schuld auf den Betroffenen ablädt, schließlich haben die ja irgendwelche sozialen Defizite, die zu ihrer Situation erst geführt haben.großartige Vokabel so gesehen, tauscht Ursache und Wirkung um und verschiebt gleichzeitig noch die Verantwortlichkeit zu den Opfern. rhetorisch großartige Leistung.

Und ein Veränderungsbedarf besteht nicht, der Laden läuft ja…

Wem gehört eigentlich die SZ? INSM? / tiiieeef durchatmen… AAAAHHH! #10

WTF SZ? echt jetzt?
oder gehört Bullshit dieser Größenordnung in die Kategorie „muss man ja noch sagen dürfen“? Vllt. wären IQ-Tests bei Kommentatoren oder auch Redakteuren auch angebracht – werd ich ja noch sagen dürfen.

1. Intelligenz ist das, was ein IQ-Test misst. sonst nichts. besser ist dieses Konstrukt bis heute nicht greifbar

2. wer über die Vererbbarkeit von Intelligenz redet, sollte sich vllt. erstmal über die Vererbbarkeit von Intelligenz informieren, sonst kommen sehr, sehr peinliche Kommentare raus.

der Rest erübrigt sich schon fast, aber wenn ich schon dabei bin:

3. „wenn das Gymnasium auf die Universität und wissenschaftliches Arbeiten vorbereiten soll, auf intellektuelle Hochleistungen“ – äh, Bologna verpasst? auf der Uni wird nicht wissenschaftlich gearbeitet, da wird gepowerpointed bis zum Bachelor und dann knapp unter dem Master-NC rausgeschmissen, schließlich braucht es junge, billige Arbeitskräfte.
20% Abiturienten, die da jemand vorgeschlagen haben soll (*), und dann wieder laut aufheulen von wegen Fachkräftemangel, was? (auch wenn es den realiter nicht gibt, aber es passt hier mal zur Polemik)
(*) ich möchte gern zuerst die Originalarbeit sehen, bevor ich mich anschließe, dass das tatsächlich die Forderung ist

4. „ein seriös gemachter IQ-Test“ – ja, was haben wir denn bisher?
ach so ja, mit dem Thema wurde sich ja vorher nicht befasst, sieht man ja schon an Kritikpunkten 1 und 2 – hätte sich der Kommentator minimal mit dem kommentierten Thema befasst, wäre der Kommentar so gar nicht zustande gekommen.

5. „Migrantenkind“ – srsly? zur Rettung vor dem wütenden Mob mal mitleidig einfließen lassen, dass die (mutmaßliche) Herkunft mehr Einfluss auf die Benotung hat als die schulische Leistung, wie menschenfreundlich.
wieso aber nicht formulieren: „zentrale, anonyme Intelligenztests können unvoreingenommen das Potenzial erkennen“?

ein wenig mit der Welt versöhnt hat mich jetzt, dass die kommentierenden Leser der SZ den Vorschlag auch, vorsichtig formuliert, skeptisch sehen. Himmeldonnerwetter.

nur eines würde mich immer noch interessieren: Warum, zur Hölle, gibt die SZ für so einen Aberwitz Papier/Webspace her?
neoliberales Sondierungsprogramm, wie weit der Sozialdarwinismus sich mittlerweile verbreitet hat, und wo noch Nachschulungsbedarf für die Gutmenschen besteht?
oder einfach 1,5 Spalten frei und keine Werbung mehr zur Hand?
hätte es dann nicht eine Benefizanzeige auch getan, oder ein Extra-Sudoku oder die letzten 10 Lieblingstweets des Praktikanten? musste es wirklich solch ein Wursttext sein?

Bloß keine Empathie! – Echt jetzt?

Anlass war folgender Artikel in der Zeit: „Empathie blendet uns“
Abstract:

Sich in andere hineinversetzen – eine wunderbare Fähigkeit, gerade in Zeiten von Terror und Flucht?
Nein. Ein Gespräch mit dem Psychologen Paul Bloom, der eine Alternative vorschlägt.

der Text dazu entstand ursprünglich als Kommentar bei Facebook, wg. einigermaßenen Zuspruchs transferier ich ihn jetzt auch hierher.

wenn ein Psychologe vs. Empathie argumentiert, werd ich schon spontan skeptisch: das empathische Einlassen auf den Gegenüber ist im therapeutischen Setting eine der Grundvorraussetzungen überhaupt. der therapeutische Aspekt mag bei seiner, also Paul Blooms, Arbeit weniger eine Rolle spielen, aber er diskreditiert Empathie ja nachgeradezu.

die zitierte mediale Präsentation von menschlichem Leid zur Rechtfertigung von Kriegen etc. zielt mMn auch gar nicht in erster Linie auf Empathie ab, sondern auf den sozialen Druck einer (vermeintlichen?) sozialen Verpflichtung – „du kannst doch nicht allen Ernstes dagegen sein, dieses Kinderelend zu beenden!?!“

weiterhin das Experiment zu Empathie und Rache. die Forschung dazu läuft noch, allein deswegen find ich es schon unsauber, schon von Ergebnissen zu reden (sowas macht sich zB medial ganz schnell selbständig). außerdem ist derartige Empathie wie im Beispiel zitiert oft auch ganz falsch verstanden. viele Opfer haben nämlich grade diesen Rachegedanken nicht. das ist so eine Pseudo-Empathie, in die imo auch die Hilflosigkeit reinspielt, dem Opfer wirkliche Hilfe zu leisten, „gehen wir halt auf den Täter los, wenn wir schon sonst nichts tun können“. (kann ich mir großartig als Comic-Strip von Erzaehlmirnix vorstellen btw)

vor mir wurde noch folgendes kommentiert (minimal zusammengefasst, Verfasser bekannt, hier aber absichtlich namentlich weggelassen):

und genau das laesst soziale dienste so mangelhaft sein wie sie sind.
diese einstellung ist keine wirkliche hilfe mehr; symptomatisch fuer den seit jahren anhaltenden abbau des sozialen, nun auch ideolgisch bei der medialen deutungshoheit angelangt.
ich geb mir sowas vllt wenn ich nach einer zielgerichteten funktionalen adjustierung meiner konstitution suche; einer stromlinienfoermigen anpassungsunterstuetzung. sicher aber nicht wenn ich wirkliche verstehende hilfe suche.
ein ziemlich erbaermliches eingestaendnis der ueberforderung in der sozialen und therapeutischen arbeit mmn.

da muss ich in der Tat zugeben, dass ich diese Implikationen für die soziale und therapeutische Arbeit nicht ganz nachvollziehen kann. vllt. denke ich auch einfach nicht tief genug. also, ich halte das nicht für falsch gedacht, komme nur selbst einfach nicht so weit, was die Auswirkungen betrifft (dass Empathie eine Grundvoraussetzung für die therapeutische Beziehung darstellt, hab ich ja auch schon eingangs erwähnt).

das ändert aber nichts daran: diese totale förmliche Diffamierung der Empathie ist imo grundfalsch. richtig ist zwar, dass die Ableitung von Handlungen erfordert, dass die Ratio eingeschaltet wird, was im Artikel dann unter Mitgefühl firmiert. rationales Helfen ohne vorherige, auch intensive, Empathie bleibt aber oberflächlich, geglättet, und kalt, nach dem Motto „komm mir mit deinen Problemen ja nicht zu nahe“ und das kann in jedem Fall nur falsch sein.

Handschuhe! Bloß nicht mit bloßen Händen!

logisch. bestimmte Berufe sollten bei der Ausübung ihrer Tätigkeit bitte schon Handschuhe tragen. Ärzte, Sanitäter, Tätowierer, der Pflegesektor, generell Leute, die direkt mit menschlichen Körperflüssigkeiten in Berührung kommen.

bei Verkaufspersonal an der Brot-/Wurst-/Käsetheke oder auch am Stand, da find ich’s schon nicht mehr so eindeutig. da wird in den Handschuh geschlupft, das (zB) Brot eingetütet und mit dem Lebensmittelhandschuh noch das extrem dreckige Geld angefasst – das dreckiger ist als die meisten Klobrillen. danach dann mit eben dem gleichen Handschuh wieder ans Lebensmittel – da graust’s mir wesentlich mehr als beim Hautkontakt. Überhaupt find ich da das Gehandschuhe höchstens noch am Wochenmarkt leidlich angebracht, wo man nicht dauernd fließend Wasser zum Händewaschen zur Verfügung hat. Aber bittschön, Geld ist echt dreckiger als Klofinger…

was ich aber wirklich total überdreht finde, sind die schicken bzw hippen Köche, die vor lauter Coolness die schwarzen Handschuhe der Tätowierer tragen. find ich persönlich einfach völlig überzogen und gleichzeitig total typisch für die Zeit. Hygienewahn galore, bloß nichts, aber auch gar nichts, mit bloßen Händen anfassen.
gleichzeitig geht dabei aber der Bezug zum „Werkstoff“ verloren, so ein Gummihandschuh trennt einfach. hat sich eins geschnitten, klar, oder eine Allergie, keine Frage, soll bitte den Handschuh tragen, vor irgendwas schlimmer wird oder sonst noch was.

aber ich find, wer kocht, soll das Essen auch anfassen, auch sinnlich erleben bei der Arbeit damit, sonst fehlt dem „Werkstoff“ die Behandlung auch – an manchen Stellen kommt die Erkenntnis langsam durch, dass diese Sterilität die guten Ergebnisse von früher verhindert, insbesondere im Brauhandwerk, das zwar auch mit dem Craft-Wahn nicht nur Gutes erfährt. aber dort hat man wenigstens schon ansatzweise kapiert, dass früher nun mal einfach alles mit der Haut in Berührung kam, und die nicht-sterile Haut da auch nicht geringen Einfluss aufs Ergebnis hat, grade im Bezug auf Hefepilze leuchtet das ja auch ziemlich leicht ein, oder? jetzt saugen sie verzweifelt in alten Gärkellern Luft ein, in der Hoffnung, noch ein, zwei Sporen der alten Hefe einzufangen und vllt. nachzüchten zu können – packt die übertriebene Hygiene weg, lasst die Sachen wieder Kontakt haben mit denen, die sie herstellen, dann findet sich das von allein. Brauer und Hefe werden zu einer einmaligen Mischung, sorgen für den ganz individuellen Effekt.

zum sinnlichen Erleben nochmal, da wird das beschworen, sich Zeit zu nehmen, das Einfache auch wieder schmecken und genießen zu lernen, ein einfaches Brot mit Butter und vllt. ein paar Körnern Salz drauf, das muss man den Leuten förmlich wieder beibringen, welche Geschmackswelten sich darin verbergen, vorausgesetzt man hat nicht den allerletzten Rotz aus der Nahrungsmittel-Billigindustrie. auf den Karten der hippsten Restaurants steht nicht mehr „Schweinelendchen mit dem Gratin von blauten und roten Kartoffeln an einer Gemüsejus“ (wieso eigentlich bestimmte Artikel? verstehen solche Schreiber ihr Gratin als den Inbegriff aller Gratins? DAS Gratin?), sondern „Schwein – Kartoffel“. Gekocht wird nicht minder raffiniert, auch gewürzt, aber das Augenmerk schon mal aufs Wesentliche gelenkt. die Esser sollen auch mal ab und an ihr Essen: Anfassen. auch mit diesem Sinn erleben. aber dem Essen will man nicht gönnen, dass es auch sinnlich behandelt wird und mit den Herstellern in Kontakt tritt – ich glaube und behaupte: Essen, das keinen Hautkontakt hat, sondern nur mit Handschuhen angefasst wird, entbehrt einer wichtigen – nein, nicht Erfahrung *lol* – Zutat, Behandlung, die wichtiges bewirken kann am Endergebnis. evtl. auch, weil dasjenige, das kocht, auch sinnlicheres Erleben hat beim Kochen, wenn es die Bestandteile wirklich anfassen kann und nicht nur packen, sondern auch fühlen.

Zuschauer von Kochsendungen, die allen Ernstes Leser- bzw. Seherbriefe schreiben an die Sender, wenn der Koch sich erdreistet, mit einem ableckten Löffel nochmal in den (oft genug noch wallend kochenden!) Topf zu fassen, passen ja in die selbe Schublade. „Iiiiih, mein Essen hatte Kontakt mit dem Koch!“ – mich ekelt massiv vor Menschen, ich weiß nicht, ob man das allgemein so aus dem Blog rauslesen kann, aber grds ist das so: überfüllter ÖPNV, Teppichboden in Hotels, gebrauchte Plüschtiere usw verlangen mir extrem viel Selbstkontrolle ab, um nicht alles zu desinfizieren oder kurzerhand zu brechen, aber dass Essen einfach grundsätzlich in seiner Herstellung in Kontakt mit Menschen kommt, das ist der Sache immanent und kein Grund, nicht mal für mich, vor lauter Furcht vor menschlichem Abrieb und dem kleinsten Keim sozusagen in Reinräumen kochen zu lassen.

Aber nein, wir rücken in den Städten immer näher zusammen und ekeln uns gleichzeitig immer mehr voreinander, dabei vermutlich noch am meisten vor uns selbst. es darf nichts mehr mit dem Menschen in Berührung kommen, der es herstellt, damit der auch schön ersetzbar bleibt und nicht der individuelle, und sei es auch „nur“ der mikrobiologische, mikrobielle, Einfluss den einfachen Handwerker auf die Fallhöhe von Künstlern erhebt. alles wird stilisiert und sterilisiert bis zur völligen Beliebigkeit und maschinellen Reproduzierbarkeit, der individuelle menschliche handwerkliche Faktor wird bei aller vorgeschobenen Nostalgie doch negiert und rausgekürzt bis er nicht mehr vorhanden ist, und der Konsument auf der Suche nach den guten alten Dingen (wie) von früher steht davor und kommt einfach nicht drauf, was da fehlt, damit es so würde, wie er es sich erhofft hat, denn er hat doch (Ur-)Omas Kochbuch genauestens befolgt. mit Gummihandschuhen. finde den Fehler.