Archiv für März 2015

Erwerbsregel Nr. 146

„Verkaufe nicht das Steak, verkaufe das Brutzeln“

Früher mußte ich darüber noch lachen. Denn natürlich kann man das Brutzeln viel öfter verkaufen als ein einzelnes Steak, nämlich ungefähr so lange, bis das Steak jenseits allen Brutzeln verkohlt ist. Insofern wirkt das ja eigentlich ganz amüsant und eigentlich sogar clever.

Inzwischen hat der Spruch aber von der Realität eine Konnotation erfahren, von der mir grundsätzlich schlecht wird.
Verkauft werden soll nicht mehr das Steak, oder das Brutzeln, sondern die Illusion, dass durch den Besitz von teils Steak, teils Brutzeln die ganze Hipness, Fitness, Glückseligkeit und Perfektion der Werbefiguren auch auf den (gehorsamen) Konsumenten abfärbt.

Aktuelle Spitze des Eisbergs war grade ’ne Werbung, die mich echt auf die falsche Fährte lockte. Viel Sound, Shazam ward auch erwähnt, aber eigentlich ging ’s angesichts von ungefähr einem Dutzend hipper junger musikalischen Menschen um ihre Hosen. Hoppla. Darauf wäre ich nicht gekommen.

Nur Leute, Werbetreibende und euch vorhergehend noch viel dringender, Produktpfleger und -entwickler:
Ich will nicht dauernd eine neue Sorte Steak, ich will auch kein neues Brutzeln, und ich will erst recht kein Image. Ich will das kaufen können, was mir vorschwebt. Und mit solchem Bullshit kommt euer Kram sicher nicht auf meine Liste.

Fackeln und Mistgabeln

Es gibt ja immer mal wieder so Vorkommnisse, die die schmale Grenze zwischen dem ‚anständigen‘ Volk und einem auf besondere Weise herausragenden Abweichler besonders farbenprächtig herausstreichen.

Wieso ich grade heute auf das Thema komme, dürfte klar sein. Aber das Detail interessiert überhaupt nicht.

Es ist absolut unwichtig, um wen es geht, und um welche – mit dem ‚gesunden Volksempfinden‘ gesprochen – Abscheulichkeit. Das spielt keine Rolle.

Wirklich interessant ist viel mehr, wie schnell es in solchen Fällen geht, um aus vermeintlich zivilisierten und rational denkenden Menschen einen Lynchmob zu machen. Was da an Geifer und Sabber abgesondert wird, lässt die letzten paar Hundert Jahre an Aufklärung und Zivilisation glatt vergessen machen.

Da verstehe ich dann immer wieder, welchen Volksfestcharakter Hexenverbrennungen gehabt haben müssen: Ein öffentlich erklärter Sündenbock, dem jeder sein persönliches Unbill anlasten konnte, wird aufs Grausamste vom Leben zum Tod befördert. Hinterher kann sich jeder wieder ein wenig sicherer fühlen in seinem kleinen Leben, denn das Böse wurde vernichtet.

Davon sind wir bis heute keine 10cm entfernt.
Und das macht mir, zumal bei der Menge der Gefolgsleute, mehr Angst als die Einzelnen, über die sich dann immer im heiligen Zorn ereifert wird.

Nachtrag:
Angesichts des „Drucks“ der sozialen Netzwerke will nun der bei der vorordneten Geldauflage eigentlich als Begünstigter vorgesehene Kinderschutzbund die Zahlung nicht annehmen.
Ich kann mich da nur Udo Vetter anschließen:

Es ist bei solchen Auflagen ja unvermeidlich, dass sie von möglichen Straftätern gezahlt werden. […]
Will der Kinderschutzbund Niedersachsen jetzt ein Urteil nach dem Urteil fällen, zwischen gutem und schlechtem Geld unterscheiden? Ich kann so eine Anfälligkeit für offensichtlichen Populismus nicht ganz nachvollziehen.