Archiv für August 2015

So geht ’s aber nicht!

„Warum sind die nagelneuen Unterkünfte nach zwei Tagen dreckig und vermüllt?“ steht im Tweet von Morbus Laetitia.

nix gegen sie. ich verstehe die Frage schon. sie wurde auch nicht in unempathischem Kontext gestellt, sondern ganz aufgeschlossen und ausgewogen. das nur vorab.

nur fallen mir so viele gute Gründe ein, warum Unterkünfte für Flüchtlinge nach 2 Tagen ziemlich abgerockt aussehen.
vorab empfehle ich, sich den Text von Tina Beckmann zu Gemüte zu führen. der ist fiktiv, aber aus diversen realen Erlebnissen zusammengesetzt, und wer geistig nicht komplett vernagelt ist, kommt durchaus zu der Erkenntnis, dass es sich da nicht um übersteigerte Fiktion handelt, sondern um die Lebensrealitäten der allermeisten Menschen, denen ein morsches Boot auf dem Mittelmeer das geringere Übel erscheint, als da zu bleiben, wo sie bisher waren.

bereits im Rahmen der Tweets begann die Debatte, ob und wie traumatisiert die Geflüchteten sind, und ob es überhaupt eine geeignete Methode sein kann, sie ohne therapeutische Betreuung einfach so zu verstauen.
natürlich kann es keine geeignete Methode sein, aber. aber woher soll man geeignete Betreuung nehmen. oder gar bezahlen. deswegen kann man die Leute aber nicht abweisen. traumatisiert in Sicherheit ist immer noch besser als weiter traumatisiert oder weiterhin in Lebensgefahr.

durchschnittlich kann man wohl davon ausgehen, dass die Betroffenen erschöpft sind, verängstigt, abgekämpft, trauernd um Angehörige, liebgewonnenes, das Zuhause etc.pp., usw.
dann kommen sie nach wochenlanger Odyssee endlich irgendwo an (werden auch noch begrüßt von Feindseligkeit und Brandanschlägen, aber lassen wir das mal außer Acht, der Beitrag eskaliert sonst total). kriegen ein paar Kleidungsstücke in die Hand gedrückt und was weiß denn ich, ein Brot meinetwegen, und kriegen ein Zimmer gezeigt, wo sie jetzt erstmal bleiben können.

die Menschen werden in Zeltstädte gesteckt, weil man nicht weiß wohin mit ihnen, da kann man wohl davon ausgehen, dass es eng zugeht, dass viele, viele Menschen auf kleinem Raum versammelt sind. das wird wohl auch für festere Unterkünfte nicht viel anders sein.

ich muss nicht mal die abgekämpfte Mutter herbeizitieren, die seit 3 Wochen ihr Kind trägt und einfach nicht mehr stehen kann. entsetzlicherweise schaffen es ja viele Frauen und Kinder gar nicht erst hierher.

aber auch bei „jungen, gesunden“ Männern habe ich keine Probleme, mir folgendes vorzustellen: 50 Männer auf engem Raum, aus den verschiedensten Ländern, mit relativ wenig Gemeinsamkeiten außer der einen, großen: sie haben nichts mehr, außer dem Schlafplatz, 2 Hosen und 2 Pullovern, und hoffentlich noch etwas Kontakt nach Hause. trotzdem sind sie allein in der Fremde, haben auf der Flucht ziemlich sicher Unbeschreibliches gesehen, möglicherweise geliebte Menschen verloren, sicher aber zurückgelassen. ihr Leben, wie sie es kannten, existiert nicht mehr. was vor ihnen liegt, wissen sie nicht.

fiele einem von „uns“ in dieser Situation ein, zu PUTZEN?
hätte einer von „uns“ in dieser Lage die Nerven, sich unterweisen zu lassen, wie man in Kaltland korrekt Müll entsorgt?

dazu kommt noch:
draußen regnet es, 50 Menschen kommen mit nassen Schuhen ins Haus und gehen durch den Flur (auf die Idee, man solle Hausschuhe ausgeben oder die alle die Schuhe ausziehen, kommt jetzt hoffentlich keiner im Ernst). es wimmelt überall von aufgewühlten, womöglich desorientierten Menschen, die erst seit 2 Tagen hier sind, die noch nicht glauben können, auch nur auf einem Feldbett schlafen zu können. die Unterbringung ist nicht auf die Anzahl ausgelegt, die tatsächlich gekommen ist, sanitäre Einrichtungen sind dauerbesetzt, selbst große Müllsäcke in Minuten voll.

ehrlich. ein bisschen Geduld. ein bisschen Langmut. die Leute erstmal zu Atem kommen lassen, sie ein paar Tage Sicherheit fühlen lassen. dann kann man doch immer noch deutsche Kasernenhofsauberkeit einfordern.

(ja, ich bin SEHR beeindruckt von Tina Beckmanns Text. Nachhaltig. unter diesem Einfluss steht logischerweise der gesamte Text hier, der vollkommen meinem Vorstellungsvermögen entsprungen ist, da ich keine Ahnung habe, wie es realiter ist, zumindest nicht mehr als durch spärliche Medienbilder. notfalls liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.)

Der Feind wohnt nebenan

wo sich, webauf, webab, zum Glück entsetzt und ablehnend gegenüber dem wieder mal völlig offen ausgelebten Rassismus und Faschismus geäußert wird, passiert aber dennoch ein bedauerlicher, weil gefährlicher Denkfehler.

so ähnlich wie bei der „Abwägung“, wer einem lieber ist, über die ich hier schon gebloggt habe, wird da falsch kategorisiert.

die schreienden, protestierenden und brandstiftenden Massen werden in Schubladen gesteckt, damit sie uns nicht zu nahe kommen. es sind die Freitaler, die Heidenauer, die Sachsen, die Ostdeutschen, es sind die „Bildungskritiker“, die Fließentischklientel, die biertrinkenden Couchsitzer. Hauptsache, sie haben möglichst wenig mit uns zu tun, die wir ja aufgeklärt, weltoffen, hinreichend gebildet, stilvoll, aber naja OK, ein Bier trinken wir ja schon auch mal gern.

das ist zwar alles vollkommen verständlich. am Wunsch, eine möglichst große Distanz zum nationalistischen Lynchmob herzustellen, ist nichts verwerfliches. nur: so groß ist die Distanz eben leider nicht.

es sind eben nicht nur die Sachsen, unter den allnächtlichen (!!!) Brandanschlägen waren z.B. auch welche aus Baden-Württemberg und Niedersachsen.
es sind eben nicht nur die Ostdeutschen, die das, wogegen sie aufgehetzt sind, gar nicht kennen, weil „drüben“ immer noch kaum Migranten egal welchen Backgrounds wohnen, verglichen mit dem Westen Deutschlands.
es sind eben nicht nur die „bildungsfernen Schichten“ (was zur Hölle soll das eigentlich sein?), arbeitslosen, Transferleistungen empfangenden, Privatsenderkonsumenten. Klar, mit denen haben wir nichts zu tun, und „Frauentausch“ schauen wir auch nur rein ironisch an.

wo kommen die denn her, die in Dortmund, Frankfurt, München und sonstwo zu den *gida-Veranstaltungen kommen? extra angereist aus Dresden? wohl kaum.
und ach so, das waren nur rund 200 Leute? um ein Haus anzuzünden braucht es nur einen. um schreiend eine Straße zu blockieren, braucht es nur 15. um ein wirklich, wirklich hässliches Bild abzugeben, braucht es nur 25.
wo kommen die her, die man dann vorsichtig „Protestwähler“ nennt, wenn bei beliebigen Wahlen wieder eine Rechtsaußen-Splitterpartei 5-12% holt?

die Antwort ist: aus deiner Stadt. aus deinem Viertel. aus deiner Straße. aus deinem Haus. aus deinem Stockwerk.

denn das ist das wirkliche Problem. es sind nicht 200 möglichst monströs darstellbare Extremtypen, sondern der ganz allgemeine, tief verwurzelte, nie aufgearbeitete quasi traditionelle Nationalismus und Rassismus, der sich mit „wird man doch noch mal sagen dürfen“ zu Wort meldet. nur einen Facebookfreund entfernt werden Sinti/Roma als „Zickos“ bezeichnet und man hat mit demjenigen 15 gemeinsame Freunde.

vor deinem Haus unterhalten sich die Menschen, dass sie ja gar nichts gegen haben, aber. und dann wird wieder gewichtet und gewertet, nach arbeitenden und nicht arbeitenden Menschen, nach Menschen die leichter oder schwerer Sprachen lernen, nach Menschen, die mehr oder weniger gläubig sind, etc. pp. am Ende vom Lied steht aber immer die Ablehnung von Menschen wegen ihrer Herkunft, egal wie man es dreht und wendet.

Fightspotting

unsere Kinderbücher und das Leben, das wir sahen, haben uns was erzählt von Lokführern, Handwerkern, Metzgern, Lieferanten und Straßenarbeitern.
jetzt stehen wir da, mit Hochschulreife und mit oder ohne akademischen Abschluss, irgendwo verloren zwischen Theorie und Verwertungslogik, und nur ganz manchmal fällt noch auf, wie künstlich und losgelöst vom Leben das alles ist.

wenn wir groß wären, dann würden wir mit einem coolen Auto spontane Trips in andere Städte machen, einkaufen, feiern und wieder nach Hause fahren, mit lauter Musik und offenen Fenstern. heute gibt es keine solchen Autos mehr, den Sprit können wir uns von den prekarisierten Jobs gar nicht mehr leisten, von einkaufen und feiern ganz zu schweigen.

wir sind die, deren Welt kein Gegenmodell mehr einbremst und die, die schon fast vergessen haben, dass es mal so war. der Grundschullebenslauf der Kinder muss dynamisch und zielstrebig sein, sonst klappt die Aufnahme auf der Wunschschule nicht, und so geht das immer weiter. nicht für die Schule, für unseren CV lernen und leben wir. sei herausragend angepasst, entschlossener und zielstrebiger Befehlsempfänger und glaube an die Illusion, du könntest irgendwohin aufsteigen, wenn du dich nur genug anstrengst.

das System, in dem wir aufgewachsen sind, frisst sich selbst auf, doch etwas anderes haben wir nicht gelernt. also Augen zu und durch, nicht hinschauen und hoffen, dass der große Knall erst kommt, wenn wir genug Schäfchen im Trockenen haben, oder wenigstens schon out-ge-burned den Löffel abgegeben haben.

ein anderes Dogma als Wachstum kennen wir nicht, doch nagt manchmal der Zweifel, dass es nicht endlos weitergehen kann. aber Stillstand ist doch Rückschritt, so hat man uns gelehrt. und Widerstand ist zwecklos. es besteht immer noch die Möglichkeit, dass die Skepsis unbegründet ist, also schön stillhalten, weiter funktionieren, Kopf einziehen und nicht unangenehm auffallen. Querköpfe und Individualisten sind nur als Vokabeln willkommen, damit sich unsere Unternehmen weltoffen geben können. in Wirklichkeit wird man ganz schnell ersetzt durch den nächsten Lebenspraktikanten mit Fristvertrag, wenn man nicht aufpasst und jemand aufmerksam auf einen wird.

nicht hochschauen und nicht drüber nachdenken. nicht auf die Möglichkeit einlassen, dass alles nur künstlich und Attitüde ist, denn damit würden wir gar nicht klarkommen. und hilflos wären wir auch, denn dadurch, dass alle mitspielen, wurde die Alternativlosigkeit Realität. wir fühlen uns in der Schublade wohl, angeblich in keine Schublade zu passen. wir sind unglaublich frei, frei uns zu verkaufen, unsere Haut zu Markte zu tragen, uns komplett den Anforderungen anzupassen, die willkürlich an uns gestellt werden, oder unterzugehen.

wir sind aufgewachsen mit Trainspotting und Fight Club und schreiben unseren Frust doch nur in nihilistischen Monologen heraus, das wird uns langsam klar. wir sind ganz kurz vorm Ausrasten, aber wer braucht schön Lösungen, wenn er Heroin hat. und unser Heroin heißt Konsum, Angst vor Armut, wohlkalkulierter Individualismus und die Gewissheit, besser zu sein als die anderen. über das größere Auto sind wir dabei längst erhaben. wir sind besser, da wir gebildeter sind, nicht faul sind und nicht schmarotzen, die höheren moralischen Standards haben, uns umweltbewusster, tierfreundlicher, fairtradender verhalten und jedes Jahr zu Weihnachten 200€ spenden.

an irgendetwas muss man sich schließlich festhalten, wenn die Unsicherheit groß genug geworden ist, jeden Tag kann alles weg sein, Job, Ersparnisse, Wohnung, Status, Freundeskreis und Zukunftsaussichten.
mit fest zusammengekniffenen Augen und sich langsam lösenden Schrauben immer schneller voran. und kein Tyler Durden weit und breit, dem wir an unserer Statt in den Mund schießen könnten, um den Albtraum zu beenden.

Lieber Flüchtlinge als Hartzer

Ohne Frage. Was sich derzeit abspielt, ist ein Trauerspiel, ein Armutszeugnis, mit Worten schon nicht mehr zu beschreiben.
Das betrifft sowohl die Mengen an Menschen, die lieber riskieren, im Mittelmeer zu ersaufen als da zu bleiben, wo sie zu Hause sind bzw. waren, aber wo die Situation nicht mehr tragbar ist.
Das betrifft ebenso den unverhohlenen Rassismus und, also ich kann nicht anders, als es so zu nennen, Geiz, der ihnen entgegenschlägt.
Die Tünche der Zivilisation ist dünn in diesen Tagen.

Ja und ich, ich hebe jetzt noch einen weiteren Zeigefinger. Im Lichte des „ich bin besser als du bin besser als du bin besser als du, aber wir alle sind immer noch besser als DIE“ bzw. des „divide et impera“ halte ich das aber auch für notwendig, nicht aus den Augen zu verlieren.

Kurz waren die „besorgten Bürger“ aus Dings (ist einfach egal) etwas aus den Medien verschwunden, da kam m.o.w. scherzhaft das Wort auf, es sei ja jetzt Monatsanfang, die hätten ja grade Stütze bekommen und jetzt anderes zu tun.
Ein anderer, sicherlich ganz ehrbar motivierter Mitmensch, schrieb gegen den Rassismus an, jeder Flüchtling, der hier um seine Familie durchzubringen, Mülltonnen leere, sei ihm lieber als fette, satte Deutsche auf Hartz 4.

Und das find ich eine momentan noch kleine, aber nicht zu vernachlässigende Gefahr. Der schlimmste Paria im Land ist der ohne Erwerbsarbeit? Da verschiebt sich die Trennlinie zum „mag ich nicht neben mir wohnen haben“ nur auf eine andere Subgruppe von Menschen. Da hat aber die Propaganda, mit der die Agenda 2010 und die neoliberale Selbstverantwortlichkeitsdoktrin eingehämmert werden sollen, schon gewirkt.
Wer sowas sagt, ist kein Rassist, aber.
Ja, genau so.
Schlimmstenfalls bzw. hochwahrscheinlich weiß dasjenige es gar nicht, ist sich dessen gar nicht bewusst, dass es Menschen auch wieder einen Wert zuweist, und zwar anhand ihrer vermeintlichen, marktverwertbaren Produktivität.