Archiv für Dezember 2016

Böllerei

Regelmäßig und termingerecht wird zum Jahreswechsel mit diversen Argumenten die Böllerfraktion aufgefordert, das Knallen zu lassen, weil.
In erster Linie kommen da 3 Hauptargumente zur Sprache.

  • nur die Unterschicht, die ja bekanntermaßen gleichgesetzt ist mit wirtschafltich benachteiligten Bevölkerungsschichten, böllert. gerne erweitert um „die Kinder können sie nicht gescheit ernähren, aber einen Riesenflatscreen und für 100€ Feuerwerk, DAS können sie sich leisten, die Schmarotzer“
  • Brot statt Böller
  • Hunde, Katzen, Haustiere sind total terrorisiert von dem Geknalle
  • zum ersten Punkt lass ich mich mal nicht aus, das Argument ist SO bescheuert, dass mir eh nichts dazu einfällt außer: Bitte mal auf Discounter- und Baumarktparkplätzen gucken, welche Sorte Unterschicht da wagenweise Feuerwerk einlädt: die Unterschicht mit SUV und/oder Kombi mindestens der oberen Mittelklasse. dass es sich dabei nicht grade um die so gern geschmähten Leistungsempfänger handeln kann, sollte auf der Hand liegen. aber uuh, das würde ja am Weltbild wackeln. also lassen wir das einfach beiseite.

    zwotens. die Summe, die man für Feuerwerk anlegt, doch lieber spenden. an sich ne nette Idee. doch. kommt aber in anderen Monaten noch besser, wenn das Aufkommen nicht so saisontypisch in die Höhe schießt. wenn es im Dezember reicht, könnte es im März evtl. auch gehen?
    außerdem bin ich gegen Methoden, bei denen man sich selbst was verkneift, um die Welt zu verbessern – verkneifen macht verkniffen, und moralinsaures Verkniffensein ist das Letzte, was ich ertragen kann.

    dann die Haustiere, die das Geknalle nicht aushalten. ich muss da leider ganz fies aus dem eigenen Erfahrungsschatz berichten – und weiß sehr genau, dass Einzelfälle nichts beweisen, und saubere Argumentation wahrlich anders aussieht. trotzdem: seit den 80er Jahren wohn(t)en wir mitsamt unseren Haustieren in der Dorfmitte, Hauptstraße – und auch wenn sich das wegen „Dorf“ recht idyllisch anhört, der Pulverdampf hing nach den gängigen 30 Minuten Feuerwerk noch weitere 30 Minuten dick in den Straßen und Nebenstraßen, also die ländliche Bevölkerung lässt sich da auch gar nicht lumpen. soviel zur Einführung, damit die Vorstellung sitzt, mit welchem Feuerwerkslevel es unsere diversen Katzen und Hunde in rd. 30 Jahren zu tun hatten.
    von 6 Katzen und 2 Hunden in der Zeit hat ein einziges Hundchen sich etwas nervös gezeigt, wenn am 29. Dezember nachmittags die ersten vorzeitigen Explosionen (Fachbegriff: Explosio praecox) zu vernehmen waren. dann nahmen wir uns die Kleine kurz zur Seite, haben ihr den Schmarrn erklärt, und dass doch alles OK ist, wir sind doch auch alle ganz ruhig, und ab da reichte ihr ein Kontrollblick, ob wir uns aufregen oder nicht. fertig. Ende der Aufregung. der Rest der Menagerie brauchte auch diese kleine Intervention nicht.
    die These, die in der Formulierung mit psychologischen Begriffen ziemlich ketzerisch umgeht, fiel mir so leider erst dieses Jahr ein: „Sicher gebundene Haustiere haben keine Angst vor Feuerwerk“ – wenn der Hausmensch eine Vertrauensperson für das Viechzeug ist, dann regt es sich auch nicht über das Feuerwerk auf.

    ein wesentlich besseres Argument gegen Feuerwerk – besser in der Hinsicht, als dass es mir viel besser einleuchtet –, kam mal kurz auf, ist aber irgendwie wieder in der Versenkung verschwunden. insofern weiß ich jetzt auch nicht, ob es nicht zutrifft, oder warum man nichts mehr davon hört (ist das zu PC, zu viel Gutmenscherei, sollte man bei der aktuellen Stimmung nicht noch mehr die Freiheiten der DEUTSCHEN einschränken wegen der ASYLANTEN (*) und lieber leisetreten vor dem rechtsradikalen Mob?)
    jedenfalls hieß es mal, der Kriegssound sei für zweifelsohne traumatisierte Flüchtlinge nicht grade entspannend.
    da könnt ich mit.
    aber darüber weiß man irgendwie nix.

    naja.
    mehr schlechte Laune erst wieder nächstes Jahr.
    laut oder leise, einzeln oder mit allen, guten Rutsch nach 2017.

    (*) das Wort benutze ich ansonsten nicht. absichtlich und ausdrücklich. an der Stelle nur um die Richtung zu verdeutlichen, der da nach dem Mund geredet würde, würde so tatsächlich argumentiert. was sich meiner Kenntnis entzieht, wie ich schon geschrieben hab.

    Vorsätze

    Gute Vorsaetze

    ich krieg einfach spontan meine Zweifel an der Durchdachtheit einer solchen Liste, wenn sie schon mit „get up early“ anfängt.
    was soll dadurch besser sein? was ist positiver, erfolgreicher, mehr „Wachstum“ daran, früher 8 Stunden zu schlafen als später?

    dann: „invest in your health“. weil es ja auch gesicherte Erkenntnisse gibt, wie man seine Gesundheit wirklich und 100%ig fördern kann – und nicht nur Ansichten, Ideologien und Dogmen. meine persönliche Ansicht ist: Verkneifen macht verkniffen, dauernd schlechtes Gewissen macht krank, Wohlbefinden und Glücksmomente sind auch dem Körper und der Gesundheit zuträglich. wenn sich daraus überhaupt etwas ableiten lässt, dann vllt ein wenig Mäßigung.

    „avoid time wasters“. klingt klug. niemand verschwendet gern Zeit, denn Zeit ist ja schließlich auch Geld, und ich brauche ja jede Menge Zeit, um in meine Gesundheit zu investieren, Bücher zu lesen (im Übrigen natürlich nur Ratgeberliteratur, Belletristik zählt natürlich unter time wasters) und:

    meine Ziele aufzuschreiben. extrem wichtig, da kann ich mir dann am Jahresende besonders gut anschauen, welche Sau am Jahresanfang durchs Dorf getrieben wurde, und wie oft sich die Mode an Zielen, die man haben muss, unterm Jahr geändert hat. angeblich verwirklichen ja Leute, die ihre Ziele aufschreiben, sie auch eher. ich zweifle da aber gern die Erhebungen an, denn die, die sich, meist im Psychologie-Grundstudium, an solchen Erhebungen fortgeschrittener Kommilitonen beteiligen, sind so hochmotivierte junge Studienanfänger, die erfüllen das Untersuchungsziel schon aus purer Begeisterung freiwillig.

    (Hoppla. akademische Erstkontakte bewiesen, unleserlichen Schachtelsatz produziert. nochmal in einfach:
    solche Erhebungen zu Zielerfüllung erlebte ich ca 10 während meiner Studienzeit. machte allerdings nie mit, u.a. weil mir die Fachrichtung unsympathisch war/ist.
    es machten aber genug Kommilitonen im Grundstudium mit, ganz begeistert von den tollen!, innovativen und superhilfreichen Konzepten. bei solchen Probanden erscheint einleuchtend, dass die Erfolgsquote im Experiment ein wenig höher liegt als bei einer rein zufälligen Stichprobe,ne? Exkurs in besserem Deutsch Ende)

    aber: was sind denn meine Ziele? die Punkte auf dieser Liste? das wäre brav, gell?
    was, wenn ich sowas nicht habe? wenn sich mein Ziel darauf beschränkt, mich nicht noch tiefer in die Scheiße zu reiten, oder auch mich einfach nicht mehr so unnütz über blöde Bilder im Internet aufzuregen? das ist trivial genug, dass ich dran denken kann, ohne es aufzuschreiben.

    „make it a year of growth“ – schon mal davon gehört, dass Wachstum Grenzen hat? und was soll wohin wachsen? die Frage stellt sich offenbar gar nicht. Wachstum ist heutzutage offenbar ein sich selbst erklärender und rechtfertigender Selbstzweck.

    um sinnvoll zu sein, bräuchte das Bild nur einen einzigen Satz: don‘t give a shit on anything anyone tells you.
    damit wäre wirklich alles gesagt.

    aber der Trend ist nun mal Selbstoptimierung.
    smarter, not harder.
    wer mit sich zufrieden ist, verharrt in Stillstand, verweigert Wachstum, konsumiert am Ende keine Ratgeber mehr um sich über den aktuellsten Trend in Sachen richtige Bücher, was ist Zeitverschwendung, Gesundheitsbewusstsein, „smart“ arbeiten zu informieren. wer mit sich zufrieden ist, glaubt am Ende nicht mehr, dass mehr von irgendwas (vor allem natürlich: Geld) glücklicher macht – ja, verweigert die Beteiligung an der Gesellschaft! und das geht ja nun wirklich nicht…