Stigma Sozialhilfe – ?

Ganz aktuell aus der Beobachtung raus aufgeschrieben:

10vor10, Nachrichtenmagazin des Schweizer Fernsehens, berichtet über Sozialhilfe in der Schweiz.
Exemplarisch wird die Situation geschildert an einer allerziehenden Mutter Celine B., die nach Scheidung mit dem 7-jährigen Sohn seit vier Jahren von Sozialhilfe lebt.
- Vom Hörensagen ‚weiß‘ man ja, Leben in der Schweiz ist teuer. die tatsächliche Kaufkraft in Relation zu Deutschland hab ich nicht erforscht, uA ist mir entgangen, wo Celine B. lebt. Die Summen stehen hier jetzt einfach so, wie sie im Bericht erwähnt wurden. Eine vage Einschätzung wurde im Bericht gegeben. -
Nach allen Abzügen von Miete, Versicherungen etc. blieben ihr und ihrem Sohn im Monat 1.500 Franken. Das sei viel für die Gemeinschaft, die das bezahlen muss, aber wenig für die, die damit auskommen müssen. Celine B. wird gefragt, wie viel sie für Nahrungsmittel im Monat ausgibt, so um die 300 Franken, und ungläubig wird nachgefragt: „Im Monat!?!“ – überlegt, schließlich schüchtern „Hmmja, doch.“
Zu Wort kommt auch ein Mitarbeiter der Caritas, die einen Laden mit billigeren Produkten betreibt.
Der Mitarbeiter des Ladens erzählt, die Betroffenen gingen oft nicht zum Arzt, weil sie sich die Zuzahlung nicht leisten können, ernähren sich notgedrungen „nicht so gut“ weil sie die besseren Sachen nicht bezahlen können, kauften keine neuen Schuhe, solang die alten noch halbwegs(!) wasserdicht seien. Man müsse nicht verhungern, aber es reiche auch nicht aus und das habe auch Auswirkungen.
Aufnahme zu Hause bei Celine B. und ihrem Sohn. Die Bilder zeigen eine saubere kleine Wohnung, in der Celine B. mit ihrem Sohn an einem kleinen Küchentisch zu Mittag ist, deutlich zu sehen frisches Grün, Salat. Eine zarte junge Frau, dezent geschminkt, gepflegt, bescheiden, traurig über ihre vergeblichen Mühen, aber ohne Groll oder Resignation. Der Sohn, altersgemäß, isst manierlich am Tisch, ebenfalls sauber, gut angezogen.
Celine B. hat einen Handwerksberuf gelernt und kann ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Sie berichtet, eine Anstellung zu finden sei sehr schwer, weil Angestellte gesucht werden, die ausgebildet sind, die Firmen suchten keine Lehrlinge, sonst hätten sie eine Lehrstelle ausgeschrieben. Auf „Hilfsjobs“ angesprochen erklärt sie, solche Jobs würden überhaupt nicht ausgeschrieben, die würden wohl nur über Beziehungen vergeben.
Mehrfach habe sie bereits eine Umschulung beantragt, die sei aber nicht genehmigt worden – da sie bereits eine abgeschlossene Ausbildung hat.
Eine Förderinitiative für Alleinerziehende bestätigt Celine B.s Schilderung, dass es ohne Ausbildung fast unmöglich ist, einen qualifizierten Arbeitsplatz zu bekommen, zumal, wenn noch Kinderbetreuung geleistet werden muss.
Abschließend noch ein Hoffnungsschimmer, Celine B. hat einen Praktikumsplatz im kaufmännischen Bereich gefunden und kann dort Erfahrungen sammeln. Dies sei noch keine Ausbildung, aber ein Anfang.

Fällt schon was auf?
- die Sozialhilfe ist teuer für die Gemeinschaft – aber wenig für die Betroffenen
- die Ausgaben für die Lebensmittel sind so niedrig, dass die Reporterin es fast nicht glauben kann, die ungläubige Nachfrage ist auch im Bericht noch erhalten
- beim Essen ist trotzdem frisches Grün auf dem Tisch, ‚vernünftige‘ Ernährung
- die Sparmaßnahmen der Armen werden erwähnt und gewürdigt, die Unterfinanzierung zugegeben
- Celine B. hat nachvollziehbare Gründe dafür, dass sie keine Arbeitsstelle findet, und diese werden bestätigt
- das Dilemma Ausbildung – gesundheitliche Gründe – keine neue Ausbildung weil bereits eine vorhanden, wird benannt

Wäre so ein Bericht vorstellbar in Deutschland, über eine geschiedene junge Mutter mit Kind?
Kann man sich vorstellen, dass hier klipp und klar gesagt wird, 409+291€ für Mutter und Kind seien wenig Geld für die Betroffenen? Dass klar gesagt wird, dass es einfach unmöglich sein kann, quer einzusteigen, egal was man anstellt und dass das Arbeitsamt einen dabei nicht konstruktiv unterstützt?
Würde man hier nicht viel mehr erwarten, dass sich garantiert was zu mäkeln findet an der Person, sei es durch die Darstellung: Zu viel oder zu wenig MakeUp, einen wie zufälligen Seitenblick auf noch nicht weggebrachtes Leergut in der Küche, am Besten noch mit 2-3 Flaschen Bier oder Wein, kein Obst oder Salat beim Essen, statt Bildern vom kleinen Küchentisch Bilder vom Wohnzimmer mit Flatscreen? Sei es durch den Kommentar zum Bericht, der da oder dort doch Ausgaben erwähnt, die eventuell nicht unbedingt sein müssten, wenn man doch sparen muss, der vllt. doch anzweifeln würde, ob sie sich genug bemüht? Sei es durch Stimmen aus dem Caritas-Laden, oder der Förderinitiative, die zur Not so zusammengeschnitten werden, dass sie anders klingen? Sei es, dass man, anstatt die Aussage, Hilfsjobs gäbe es nur über Vitamin B von Celine B. direkt zu zeigen, dies als Kommentar einsprechen würde: „Celine B. sagt, Hilfsjobs würden nicht ausgeschrieben“, wobei der Konjunktiv und die indirekte Rede sachlich korrekt sind, aber je nach Gesamtfärbung des Berichts auch Zweifel an der Aussage suggerieren können? Besteht in Deutschland nicht schon generell die Erwartungshaltung, Leistungsempfänger auf ALG2-Niveau sollten generell höchstens beim Discounter oder besser gleich bei Tafeln, Second-Hand-Kaufhäusern und Kleiderkammern einkaufen und Schuhe, die noch halbwegs wasserdicht sind, reichen aber allemal noch aus? Enden solche begleitenden Berichte nicht meistens damit, dass ein begleiteter Leistungsempfänger irgendeine Chance bekommt (Job, Praktikum), um sie dann zum Stichtag nicht anzutreten?

Da ist die Saat aufgegangen, von der „sozialen Hängematte“, das Gerede von „kein Recht auf Faulheit“ und „Dekadenz“.
Da sind Maßstäbe verkehrt worden.
Das Lohnabstandsgebot ist pervertiert dahin, dass die Niedriglöhne Abstand zur Sozialleistung definieren, die noch weit drunter liegen muss, anstatt vom Existenzminimum einen Abstand zum Mindestlohn zu definieren.
uvm., ich hab nicht mal mehr Lust, das alles aufzuschreiben, mit dem dafür gesorgt wird, dass die Armen den Ärmsten die Butter auf dem Brot nicht gönnen und die Reste solidarischen Denkens von Furcht vor dem Abstieg aufs Minimum verdrängt wurden.

In der Schweiz ist nicht alles golden und die Gesellschaft dort viel wärmer, das bild ich mir nicht ein. Der Bericht aber war so bemerkenswert anders, so ohne Schuldzuschreibung zur Arbeitslosen, ohne Verdacht auf Dekadenz und Verschwendung, dass ich das jetzt festhalten musste.


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