Archiv für März 2018

Chronobiologie – aber nicht doch…

einen medienwirksamen Nobelpreis später, preist sich auf einmal jeder Hinz und Kunz, seine Grundsätze über anständiges und strukturiertes Leben anhand der Erkenntnisse der Chronobiologie aufgestellt zu haben.
nix is schlimmer als Außenstehende, die mit Fetzen von Wissenschaft argumentieren, von denen sie nicht ein Jota verstanden haben…
genug des Dünkels (ganz ernst war das auch nicht gemeint), aber der Knackpunkt an den verbreiteten Erkenntnissen ist in 98% der Fälle, dass die Forschungsergebnisse gelten – aber im Rahmen einer Normalverteilung. in der Regel verschwiegen und für die Öffentlichkeit damit nicht mehr existent sind bei der Normalverteilung mindestens 15%, die diesen Normen nicht entsprechen. das ist die ganz normale Varianz. ums zu Verklären könnt ich jetzt sagen, dass sich in ihr die Erfinder befinden, die Wahnsinnigen und die Genies, naja und am anderen Ende die Nur-Wahnsinnigen, Nicht-Genies usw., aber auch unverklärt: Die „Norm“ beschreibt eine Mehrheit, die statistisch bestimmbar ist, nicht mal extrem viel größer sein muss als der Rest, und schon gar keinen Zustand, der keine Abweichung hat.

seit dem Nobelpreis kennt sich jetzt jeder mit Chronobiologie aus, und besonderes Wasser auf ihre Mühlen finden die, die schon immer die Stunde Jetlag in März und Oktober völlig unerträglich fanden (bei Reiseflug nach Dubai, Thailand, Madagaskar, Brasilien oder New York macht das gar nichts, und am letzten Tag zurückfliegen, um ja keinen Tag Urlaub zu vergeuden – das kriegen wir schon hin…). die EU muss qua Beschluss jetzt sogar beraten und evaluieren, ob die saisonale Uhrenumstellung abgeschafft werden soll. Unfallzahlen am nächsten Montag seien höher, und ganz zu schweigen von den Kindern und den Tieren!
bei aller Liebe, wenn von Sonntag früh bis Montag früh zu kurz ist, um sich mit einer Stunde abzufinden, vllt. sollte man dann schon am Samstag umstellen – wer da regulär arbeiten muss, steckt sowieso im Schichtbetrieb und kann von einem 9-to-5-Rhythmus nur träumen, den die anderen offenbar so unverzichtbar finden, dass sie eine Stunde völlig aus jedem Takt wirft und wochenlange Beschwerden verursacht. Kinder? Timen sich doch eh noch autonom. Und Tiere, die auf pünktlicher Versorgung bestehen? zum Glück kommt der Sommerzeitwechsel nicht so unvorhersehbar wie Weihnachten, rein theoretisch könnte man das über drei, vier Tage viertelstundenweise anpassen…

überhaupt, fällt vielleicht mal jemandem ein, sich mit solcher Vehemenz für Schichtarbeiter oder gegen die neueste Unsitte Arbeit auf Abruf einzusetzen, wie für die Abschaffung der Sommerzeit?
nein? die hätten ja nur was gescheites lernen müssen, oder wie?

oder wie wäre es, wenn man mit der neuen Erkenntnis über Chronobiologie mal auch die Erkenntnis zur Anwendung brächte, dass maximal 40% der Bevölkerung von sich aus dem Ideal der fleißigen Frühaufsteher entsprechen und der überwiegende Rest der Menschen drunter leidet, von Kindheit an um Zwanzig vor Acht in der Schule strammzustehen, um halb Sechs aufzustehen um durch Rushhour hindurch und allen Unbillen zum Trotz um Acht, halb Neun todmüde und nur durch den Support von tonnenweise Kaffee wachgehalten jeden verdammten Tag im Jetlag zu leben, nur weil irgendjemand einst die Legende in die Welt setzte, Fleiß sei eine Tugend und vor Allem nur am Morgen möglich.

das Gegenteil vom Frühaufsteher ist der Langschläfer, nicht etwa der Spätschläfer. den Lerchen ist es prinzipiell unvorstellbar, dass es jemanden geben könnte, der nicht spätestens um neun am Abend erschöpft in die Kissen sinkt, sondern noch drei, vier, sechs, acht Stunden später fit und munter ist, auf dem Höhepunkt der Kreativität und Leistungsfähigkeit, und das schrieb sich auch in der Sprache fest.
Sonntag morgens um fünf begrüßte der Sportkommentator die Zuschauer zu den letzten Wettkämpfen der olympischen Spiele mit „Frühaufsteher oder die, die vor Spannung gar nicht richtig schlafen konnten“ – dass ir-gendjemand einfach noch wach sein könnte, ist nicht vorstellbar. gleichzeitig scheint es ums das frühe Aufstehen aber auch nicht so leicht und einfach bestellt zu sein, denn dann hofft er, dass sich das auch lohnen wird – wenn es so selbstverständlich und naturgegeben wäre, müsste doch niemand dafür belohnt werden?

selbst recht informative Magazine, moderiert von Wissenschaftsjournalisten, wagen keinen tieferen Blick mehr hinter die Komplexität menschlicher Individualismen, sondern wiederholen stur das, was als dernier cri gilt: blaues Licht (von Monitoren und Handy-Displays) stimuliert, behindert die Melatonin-Ausschüttung und damit den „natürlichen“ Schlaf bei Einbruch der Dunkelheit. natürlich.
nur ist der ganz und gar nicht so natürlich. isoliert man Menschen von externen Taktgebern wie Uhren, Fernsehprogrammen (Zeitsansage usw) und insbesondere Tageslicht, synchronisieren sie sich auf ihren ganz individuellen Tagesrhythmus irgendwo zwischen 22,5 und 28 Stunden pro „Tag“, und die meisten sogar etwas länger als 24h. da muss man nicht so weit gehen, zu behaupten, der Mars-Tag wäre, wie lange, 25 ¼h? und wir kämen eigentlich vom Mars und würden deswegen etwas langsamer ticken als der Erdtag. Sehbehinderte, deren Behinderung schon bei der Wahrnehmung ansetzt, die also Helligkeiten auch nicht unbewusst wahrnehmen können, weisen die Loslösung vom „Tages“rhythmus auch auf, das hat einen ICD-Code, ist also als Krankheit anerkannt. kein 24h-Takt = krank.

überraschend wurde zum Stichtag Sommerzeitwechsel der Hysterie in einer weiteren TV-Sendung (‚nano‘) kein weiterer Vorschub geleistet, stattdessen wurden die Lerchen und die Eulen damit erklärt, dass die einen einen kürzeren individuellen Tag haben und die anderen einen längeren – die mit dem kürzeren Tag stehen leichter früh auf, die mit dem längeren schwerer.
so einfach könnte es sein, so ohne moralische Wertung, so natürlich und gleich noch so im Trend der Achtsamkeit, auf den eigenen Körper zu hören.

die Untersuchung, ob eine Verschiebung um ein, zwei Stunden nach hinten, vom Morgengrauen zu einer erträglicheren Stunde, nicht enorme Vorteile hätte, kann aber gar nicht stattfinden, das leistete ja Verlotterung und Faulenzerei Vorschub.
man muss sich immer noch schämen dafür, chronobiologisch später getaktet zu sein, entweder ist man ein fauler Spät-Typ, oder man hat sich nicht an die wertvollen Tipps zu Lichtmanagement und Schlafhygiene gehalten – drum schreit da keiner.
da nutzt die schönste Chronobiologie nichts.

Facebook, Datenschutz und digitale Mündigkeit

kaum gibt es mal wieder ein größeres Datenleck, ist das Geschrei groß, und der Schutz von Nutzerdaten wird auf einmal zur Ministerial-Angelegenheit – anderntags stört der Datenschutz aus dem vorletzten Jahrhundert noch die Wirtschaft, und bei der Sicherheit gab es natürlich sowieso keine Tabus geben, aber das haben zum Glück schon wieder alle vergessen, wenn sich die Regierung medienwirksam Facebook entgegenstellt.

mein sogar für hiesige Verhältnisse launiges Statement dazu:

die jetzt zT empfohlenen Datenschutz-Einstellungen bei FB hab ich seit *überleg… wie lang bin ich bei FB?* hm, quasi seit Anbeginn meines Accounts. inkl. der Einstellung, dass Apps anderer(!) Leute nicht mehr als das Geburtsdatum sehen dürfen.
ja, die müssten sich dann auch noch dran halten. der Anteil insofern ehrlicher App-Anbieter lässt sich wahrscheinlich mit der Quote vergleichen, mit der Steuern hinterzogen, illegale Drogen konsumiert oder Wahlversprechen gebrochen werden. inwieweit das dem Einzelnen genügt, muss sich jeder selbst ausrechnen. und spätestens da versagt die menschliche Fähigkeit ohnehin: eine Wahrscheinlichkeit von 1:100 beim Pillenversagen reicht zum sorglosen Akt, eine Wahrscheinlichkeit von 1:140.000.000 genügt, um Woche für Woche auf den Lotto-Jackpot zu hoffen.
dass FB seinen Gratisdienst mit der Nutzung der überlassenen Daten finanziert, dürfte mittlerweile trivial sein; sich zyklisch drüber zu erregen, dass die Daten tatsächlich verkauft wurden, oder dass sich anhand der Daten sehr detaillierte Profile erstellen lassen, belegt nur, dass man sich auf die „Sicherheit“ der Pille verlassen hat und jetzt einsehen muss, dass man sich da böse getäuscht hat. das meiste Geschrei gilt also den Schreiern selbst, die ihre Ent-Täuschung bewehklagen.

persönlich halt ich die kognitive Dissonanz zwischen Sicherheit und Komfort so aus:
ich hab ein Android-Fon, aber diverse Apps deutlich in ihren Zugriffsrechten beschnitten. Facebook-Apps kommen mir nicht aufs Gerät bzw. die Bloatware (*grmlgrmlgrml*) ist zumindest deaktiviert. für den Zugriff auf Facebook inkl. Messenger gibt’s andere Apps mit deutlich weniger Datenhunger. beim nächsten Gerätewechsel ist die Verfügbarkeit eines CustomROM mit entscheidendes Kaufargument. am Rechner läuft Facebook in einem eigenen Browser, der sonst nichts mit meinen Online-Aktivitäten zu tun hat. im Produktiv-Browser wohnen paar Addons, die hinter mir die Cookies wegputzen, per Whitelist auf allen außer definierten Seiten Skripte abschalten und noch so bisschen was (in der Summe für Normalsterbliche sicher zu viel, Shopping-Accounts ausloggen, Cookies aufräumen und Adblocker tun dem Komfort noch nicht weh, ändern an der Verfolgbarkeit aber auch schon Wesentliches).

Facebook liest trotzdem mit, als ich nur per Chat(!) von einer kleinen Renovierungs-Misere erzählte, bekam ich just passend plötzlich adäquate Werbung eingeblendet, dazu muss nicht mal die App übers Mikrofon lauschen (da war letztens was irgendwo im Blätterwald).
der FB-Chat hat die Vertraulichkeit von Postkarten, das muss man sich einfach klar machen.
sonst bewirbt mich FB aber nicht ausgesprochen sinnvoll, und auch Amazon schlägt mir nur vor, was ich zuletzt gekauft hab, denn deren Tracking-Cookies werden auch geputzt; und Recherchen schlagen sich nicht in Kaufvorschlägen nieder.
viel mehr kann man ohne digitale Askese wahrscheinlich nicht erwarten….

natürlich ist es richtig, dass es bei dem aktuellen Sturm im Wasserglas um wesentliche Grenzen geht, ob Marktinteressen oder legale Prinzipien jetzt das größere Gewicht haben sollen und auch um die generelle Sicherheit der persönlichen Daten in immer hungrigerer Umgebung (Details wären da zB Smart Home, Fitness-Armbänder, hochvernetzte KfZ, „Schutzranzen“ (siehe bei digitalcourage.de), NFC-Tickets, Gesichtserkennung im öffentlichen Raum etc. pp.), an der Stelle ist auch der Staat selbst gefragt, sich nicht in feuchten Überwachungsträumen zu verlieren, sondern zu erkennen, dass sie mit den Daten offensichtlich nicht mal was sinnvolles anfangen können.

das erfordert aber auch auf User-Seite immer noch eine gewisse digitale Mündigkeit, egal wie man es dreht und wendet. die User allerdings sind immer noch auf dem Niveau, dem Anwalt aus Liberia zu antworten, der sie wegen des großen, herrenlosen Erbes angemailt hat und für einen Scherztest Vollzugriff auf ihr Profil zu geben. nur wenn dann mal wieder rauskommt, dass die alle nicht nur ihr bestes im Sinn hatten, dann ist das Geschrei groß – und da wende ich mich mit Grausen ab.