Facebook, Datenschutz und digitale Mündigkeit

kaum gibt es mal wieder ein größeres Datenleck, ist das Geschrei groß, und der Schutz von Nutzerdaten wird auf einmal zur Ministerial-Angelegenheit – anderntags stört der Datenschutz aus dem vorletzten Jahrhundert noch die Wirtschaft, und bei der Sicherheit gab es natürlich sowieso keine Tabus geben, aber das haben zum Glück schon wieder alle vergessen, wenn sich die Regierung medienwirksam Facebook entgegenstellt.

mein sogar für hiesige Verhältnisse launiges Statement dazu:

die jetzt zT empfohlenen Datenschutz-Einstellungen bei FB hab ich seit *überleg… wie lang bin ich bei FB?* hm, quasi seit Anbeginn meines Accounts. inkl. der Einstellung, dass Apps anderer(!) Leute nicht mehr als das Geburtsdatum sehen dürfen.
ja, die müssten sich dann auch noch dran halten. der Anteil insofern ehrlicher App-Anbieter lässt sich wahrscheinlich mit der Quote vergleichen, mit der Steuern hinterzogen, illegale Drogen konsumiert oder Wahlversprechen gebrochen werden. inwieweit das dem Einzelnen genügt, muss sich jeder selbst ausrechnen. und spätestens da versagt die menschliche Fähigkeit ohnehin: eine Wahrscheinlichkeit von 1:100 beim Pillenversagen reicht zum sorglosen Akt, eine Wahrscheinlichkeit von 1:140.000.000 genügt, um Woche für Woche auf den Lotto-Jackpot zu hoffen.
dass FB seinen Gratisdienst mit der Nutzung der überlassenen Daten finanziert, dürfte mittlerweile trivial sein; sich zyklisch drüber zu erregen, dass die Daten tatsächlich verkauft wurden, oder dass sich anhand der Daten sehr detaillierte Profile erstellen lassen, belegt nur, dass man sich auf die „Sicherheit“ der Pille verlassen hat und jetzt einsehen muss, dass man sich da böse getäuscht hat. das meiste Geschrei gilt also den Schreiern selbst, die ihre Ent-Täuschung bewehklagen.

persönlich halt ich die kognitive Dissonanz zwischen Sicherheit und Komfort so aus:
ich hab ein Android-Fon, aber diverse Apps deutlich in ihren Zugriffsrechten beschnitten. Facebook-Apps kommen mir nicht aufs Gerät bzw. die Bloatware (*grmlgrmlgrml*) ist zumindest deaktiviert. für den Zugriff auf Facebook inkl. Messenger gibt’s andere Apps mit deutlich weniger Datenhunger. beim nächsten Gerätewechsel ist die Verfügbarkeit eines CustomROM mit entscheidendes Kaufargument. am Rechner läuft Facebook in einem eigenen Browser, der sonst nichts mit meinen Online-Aktivitäten zu tun hat. im Produktiv-Browser wohnen paar Addons, die hinter mir die Cookies wegputzen, per Whitelist auf allen außer definierten Seiten Skripte abschalten und noch so bisschen was (in der Summe für Normalsterbliche sicher zu viel, Shopping-Accounts ausloggen, Cookies aufräumen und Adblocker tun dem Komfort noch nicht weh, ändern an der Verfolgbarkeit aber auch schon Wesentliches).

Facebook liest trotzdem mit, als ich nur per Chat(!) von einer kleinen Renovierungs-Misere erzählte, bekam ich just passend plötzlich adäquate Werbung eingeblendet, dazu muss nicht mal die App übers Mikrofon lauschen (da war letztens was irgendwo im Blätterwald).
der FB-Chat hat die Vertraulichkeit von Postkarten, das muss man sich einfach klar machen.
sonst bewirbt mich FB aber nicht ausgesprochen sinnvoll, und auch Amazon schlägt mir nur vor, was ich zuletzt gekauft hab, denn deren Tracking-Cookies werden auch geputzt; und Recherchen schlagen sich nicht in Kaufvorschlägen nieder.
viel mehr kann man ohne digitale Askese wahrscheinlich nicht erwarten….

natürlich ist es richtig, dass es bei dem aktuellen Sturm im Wasserglas um wesentliche Grenzen geht, ob Marktinteressen oder legale Prinzipien jetzt das größere Gewicht haben sollen und auch um die generelle Sicherheit der persönlichen Daten in immer hungrigerer Umgebung (Details wären da zB Smart Home, Fitness-Armbänder, hochvernetzte KfZ, „Schutzranzen“ (siehe bei digitalcourage.de), NFC-Tickets, Gesichtserkennung im öffentlichen Raum etc. pp.), an der Stelle ist auch der Staat selbst gefragt, sich nicht in feuchten Überwachungsträumen zu verlieren, sondern zu erkennen, dass sie mit den Daten offensichtlich nicht mal was sinnvolles anfangen können.

das erfordert aber auch auf User-Seite immer noch eine gewisse digitale Mündigkeit, egal wie man es dreht und wendet. die User allerdings sind immer noch auf dem Niveau, dem Anwalt aus Liberia zu antworten, der sie wegen des großen, herrenlosen Erbes angemailt hat und für einen Scherztest Vollzugriff auf ihr Profil zu geben. nur wenn dann mal wieder rauskommt, dass die alle nicht nur ihr bestes im Sinn hatten, dann ist das Geschrei groß – und da wende ich mich mit Grausen ab.


0 Antworten auf „Facebook, Datenschutz und digitale Mündigkeit“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


neun + = vierzehn