Archiv der Kategorie 'Brett vorm Kopf'

Chronobiologie – aber nicht doch…

einen medienwirksamen Nobelpreis später, preist sich auf einmal jeder Hinz und Kunz, seine Grundsätze über anständiges und strukturiertes Leben anhand der Erkenntnisse der Chronobiologie aufgestellt zu haben.
nix is schlimmer als Außenstehende, die mit Fetzen von Wissenschaft argumentieren, von denen sie nicht ein Jota verstanden haben…
genug des Dünkels (ganz ernst war das auch nicht gemeint), aber der Knackpunkt an den verbreiteten Erkenntnissen ist in 98% der Fälle, dass die Forschungsergebnisse gelten – aber im Rahmen einer Normalverteilung. in der Regel verschwiegen und für die Öffentlichkeit damit nicht mehr existent sind bei der Normalverteilung mindestens 15%, die diesen Normen nicht entsprechen. das ist die ganz normale Varianz. ums zu Verklären könnt ich jetzt sagen, dass sich in ihr die Erfinder befinden, die Wahnsinnigen und die Genies, naja und am anderen Ende die Nur-Wahnsinnigen, Nicht-Genies usw., aber auch unverklärt: Die „Norm“ beschreibt eine Mehrheit, die statistisch bestimmbar ist, nicht mal extrem viel größer sein muss als der Rest, und schon gar keinen Zustand, der keine Abweichung hat.

seit dem Nobelpreis kennt sich jetzt jeder mit Chronobiologie aus, und besonderes Wasser auf ihre Mühlen finden die, die schon immer die Stunde Jetlag in März und Oktober völlig unerträglich fanden (bei Reiseflug nach Dubai, Thailand, Madagaskar, Brasilien oder New York macht das gar nichts, und am letzten Tag zurückfliegen, um ja keinen Tag Urlaub zu vergeuden – das kriegen wir schon hin…). die EU muss qua Beschluss jetzt sogar beraten und evaluieren, ob die saisonale Uhrenumstellung abgeschafft werden soll. Unfallzahlen am nächsten Montag seien höher, und ganz zu schweigen von den Kindern und den Tieren!
bei aller Liebe, wenn von Sonntag früh bis Montag früh zu kurz ist, um sich mit einer Stunde abzufinden, vllt. sollte man dann schon am Samstag umstellen – wer da regulär arbeiten muss, steckt sowieso im Schichtbetrieb und kann von einem 9-to-5-Rhythmus nur träumen, den die anderen offenbar so unverzichtbar finden, dass sie eine Stunde völlig aus jedem Takt wirft und wochenlange Beschwerden verursacht. Kinder? Timen sich doch eh noch autonom. Und Tiere, die auf pünktlicher Versorgung bestehen? zum Glück kommt der Sommerzeitwechsel nicht so unvorhersehbar wie Weihnachten, rein theoretisch könnte man das über drei, vier Tage viertelstundenweise anpassen…

überhaupt, fällt vielleicht mal jemandem ein, sich mit solcher Vehemenz für Schichtarbeiter oder gegen die neueste Unsitte Arbeit auf Abruf einzusetzen, wie für die Abschaffung der Sommerzeit?
nein? die hätten ja nur was gescheites lernen müssen, oder wie?

oder wie wäre es, wenn man mit der neuen Erkenntnis über Chronobiologie mal auch die Erkenntnis zur Anwendung brächte, dass maximal 40% der Bevölkerung von sich aus dem Ideal der fleißigen Frühaufsteher entsprechen und der überwiegende Rest der Menschen drunter leidet, von Kindheit an um Zwanzig vor Acht in der Schule strammzustehen, um halb Sechs aufzustehen um durch Rushhour hindurch und allen Unbillen zum Trotz um Acht, halb Neun todmüde und nur durch den Support von tonnenweise Kaffee wachgehalten jeden verdammten Tag im Jetlag zu leben, nur weil irgendjemand einst die Legende in die Welt setzte, Fleiß sei eine Tugend und vor Allem nur am Morgen möglich.

das Gegenteil vom Frühaufsteher ist der Langschläfer, nicht etwa der Spätschläfer. den Lerchen ist es prinzipiell unvorstellbar, dass es jemanden geben könnte, der nicht spätestens um neun am Abend erschöpft in die Kissen sinkt, sondern noch drei, vier, sechs, acht Stunden später fit und munter ist, auf dem Höhepunkt der Kreativität und Leistungsfähigkeit, und das schrieb sich auch in der Sprache fest.
Sonntag morgens um fünf begrüßte der Sportkommentator die Zuschauer zu den letzten Wettkämpfen der olympischen Spiele mit „Frühaufsteher oder die, die vor Spannung gar nicht richtig schlafen konnten“ – dass ir-gendjemand einfach noch wach sein könnte, ist nicht vorstellbar. gleichzeitig scheint es ums das frühe Aufstehen aber auch nicht so leicht und einfach bestellt zu sein, denn dann hofft er, dass sich das auch lohnen wird – wenn es so selbstverständlich und naturgegeben wäre, müsste doch niemand dafür belohnt werden?

selbst recht informative Magazine, moderiert von Wissenschaftsjournalisten, wagen keinen tieferen Blick mehr hinter die Komplexität menschlicher Individualismen, sondern wiederholen stur das, was als dernier cri gilt: blaues Licht (von Monitoren und Handy-Displays) stimuliert, behindert die Melatonin-Ausschüttung und damit den „natürlichen“ Schlaf bei Einbruch der Dunkelheit. natürlich.
nur ist der ganz und gar nicht so natürlich. isoliert man Menschen von externen Taktgebern wie Uhren, Fernsehprogrammen (Zeitsansage usw) und insbesondere Tageslicht, synchronisieren sie sich auf ihren ganz individuellen Tagesrhythmus irgendwo zwischen 22,5 und 28 Stunden pro „Tag“, und die meisten sogar etwas länger als 24h. da muss man nicht so weit gehen, zu behaupten, der Mars-Tag wäre, wie lange, 25 ¼h? und wir kämen eigentlich vom Mars und würden deswegen etwas langsamer ticken als der Erdtag. Sehbehinderte, deren Behinderung schon bei der Wahrnehmung ansetzt, die also Helligkeiten auch nicht unbewusst wahrnehmen können, weisen die Loslösung vom „Tages“rhythmus auch auf, das hat einen ICD-Code, ist also als Krankheit anerkannt. kein 24h-Takt = krank.

überraschend wurde zum Stichtag Sommerzeitwechsel der Hysterie in einer weiteren TV-Sendung (‚nano‘) kein weiterer Vorschub geleistet, stattdessen wurden die Lerchen und die Eulen damit erklärt, dass die einen einen kürzeren individuellen Tag haben und die anderen einen längeren – die mit dem kürzeren Tag stehen leichter früh auf, die mit dem längeren schwerer.
so einfach könnte es sein, so ohne moralische Wertung, so natürlich und gleich noch so im Trend der Achtsamkeit, auf den eigenen Körper zu hören.

die Untersuchung, ob eine Verschiebung um ein, zwei Stunden nach hinten, vom Morgengrauen zu einer erträglicheren Stunde, nicht enorme Vorteile hätte, kann aber gar nicht stattfinden, das leistete ja Verlotterung und Faulenzerei Vorschub.
man muss sich immer noch schämen dafür, chronobiologisch später getaktet zu sein, entweder ist man ein fauler Spät-Typ, oder man hat sich nicht an die wertvollen Tipps zu Lichtmanagement und Schlafhygiene gehalten – drum schreit da keiner.
da nutzt die schönste Chronobiologie nichts.

Facebook, Datenschutz und digitale Mündigkeit

kaum gibt es mal wieder ein größeres Datenleck, ist das Geschrei groß, und der Schutz von Nutzerdaten wird auf einmal zur Ministerial-Angelegenheit – anderntags stört der Datenschutz aus dem vorletzten Jahrhundert noch die Wirtschaft, und bei der Sicherheit gab es natürlich sowieso keine Tabus geben, aber das haben zum Glück schon wieder alle vergessen, wenn sich die Regierung medienwirksam Facebook entgegenstellt.

mein sogar für hiesige Verhältnisse launiges Statement dazu:

die jetzt zT empfohlenen Datenschutz-Einstellungen bei FB hab ich seit *überleg… wie lang bin ich bei FB?* hm, quasi seit Anbeginn meines Accounts. inkl. der Einstellung, dass Apps anderer(!) Leute nicht mehr als das Geburtsdatum sehen dürfen.
ja, die müssten sich dann auch noch dran halten. der Anteil insofern ehrlicher App-Anbieter lässt sich wahrscheinlich mit der Quote vergleichen, mit der Steuern hinterzogen, illegale Drogen konsumiert oder Wahlversprechen gehalten werden. inwieweit das dem Einzelnen genügt, muss sich jeder selbst ausrechnen. und spätestens da versagt die menschliche Fähigkeit ohnehin: eine Wahrscheinlichkeit von 1:100 beim Pillenversagen reicht zum sorglosen Akt, eine Wahrscheinlichkeit von 1:140.000.000 genügt, um Woche für Woche auf den Lotto-Jackpot zu hoffen.
dass FB seinen Gratisdienst mit der Nutzung der überlassenen Daten finanziert, dürfte mittlerweile trivial sein; sich zyklisch drüber zu erregen, dass die Daten tatsächlich verkauft wurden, oder dass sich anhand der Daten sehr detaillierte Profile erstellen lassen, belegt nur, dass man sich auf die „Sicherheit“ der Pille verlassen hat und jetzt einsehen muss, dass man sich da böse getäuscht hat. das meiste Geschrei gilt also den Schreiern selbst, die ihre Ent-Täuschung bewehklagen.

persönlich halt ich die kognitive Dissonanz zwischen Sicherheit und Komfort so aus:
ich hab ein Android-Fon, aber diverse Apps deutlich in ihren Zugriffsrechten beschnitten. Facebook-Apps kommen mir nicht aufs Gerät bzw. die Bloatware (*grmlgrmlgrml*) ist zumindest deaktiviert. für den Zugriff auf Facebook inkl. Messenger gibt’s andere Apps mit deutlich weniger Datenhunger. beim nächsten Gerätewechsel ist die Verfügbarkeit eines CustomROM mit entscheidendes Kaufargument. am Rechner läuft Facebook in einem eigenen Browser, der sonst nichts mit meinen Online-Aktivitäten zu tun hat. im Produktiv-Browser wohnen paar Addons, die hinter mir die Cookies wegputzen, per Whitelist auf allen außer definierten Seiten Skripte abschalten und noch so bisschen was (in der Summe für Normalsterbliche sicher zu viel, Shopping-Accounts ausloggen, Cookies aufräumen und Adblocker tun dem Komfort noch nicht weh, ändern an der Verfolgbarkeit aber auch schon Wesentliches).

Facebook liest trotzdem mit, als ich nur per Chat(!) von einer kleinen Renovierungs-Misere erzählte, bekam ich just passend plötzlich adäquate Werbung eingeblendet, dazu muss nicht mal die App übers Mikrofon lauschen (da war letztens was irgendwo im Blätterwald).
der FB-Chat hat die Vertraulichkeit von Postkarten, das muss man sich einfach klar machen.
sonst bewirbt mich FB aber nicht ausgesprochen sinnvoll, und auch Amazon schlägt mir nur vor, was ich zuletzt gekauft hab, denn deren Tracking-Cookies werden auch geputzt; und Recherchen schlagen sich nicht in Kaufvorschlägen nieder.
viel mehr kann man ohne digitale Askese wahrscheinlich nicht erwarten….

natürlich ist es richtig, dass es bei dem aktuellen Sturm im Wasserglas um wesentliche Grenzen geht, ob Marktinteressen oder legale Prinzipien jetzt das größere Gewicht haben sollen und auch um die generelle Sicherheit der persönlichen Daten in immer hungrigerer Umgebung (Details wären da zB Smart Home, Fitness-Armbänder, hochvernetzte KfZ, „Schutzranzen“ (siehe bei digitalcourage.de), NFC-Tickets, Gesichtserkennung im öffentlichen Raum etc. pp.), an der Stelle ist auch der Staat selbst gefragt, sich nicht in feuchten Überwachungsträumen zu verlieren, sondern zu erkennen, dass sie mit den Daten offensichtlich nicht mal was sinnvolles anfangen können.

das erfordert aber auch auf User-Seite immer noch eine gewisse digitale Mündigkeit, egal wie man es dreht und wendet. die User allerdings sind immer noch auf dem Niveau, dem Anwalt aus Liberia zu antworten, der sie wegen des großen, herrenlosen Erbes angemailt hat und für einen Scherztest Vollzugriff auf ihr Profil zu geben. nur wenn dann mal wieder rauskommt, dass die alle nicht nur ihr bestes im Sinn hatten, dann ist das Geschrei groß – und da wende ich mich mit Grausen ab.

Drogen, Selbstoptimierung, Gesundheitswahn

an der einen Ecke wird daran gearbeitet, zum Einstieg mal Cannabis zu entkriminalisieren, besser noch zu legalisieren bzw: regulieren, also für einen geordneten, qualitätsgesicherten, legalen Zugang dazu zu sorgen.
bisschen über diesen Tellerrand hinaus gibt es solche Anstrengungen sehr sehr leise auch für die restlichen Substanzen, die als Drogen oder Betäubungsmittel illegalisiert und vA diskreditiert sind.
die Akteure der Initiativen arbeiten hart, engagieren sich ehrbar und erreichen kleine aber langsam mehr werdende Erfolge – Cannabis als Medizin-Gesetzt, Kriminalbeamte sprechen sich für mindestens einen Verfolgungsstopp aus, namhafte Unterstützer usw. usf.

aber auf der anderen Seite: Die „Gesellschaft“.
dass der „kleine [dumme] Mann“ von der Straße dank jahrzehntelanger Propaganda von Einstiegsdroge, Haschischgiftspritzen, anständige Leute nehmen keine Drogen (sondern saufen) etc. von einer Regulierung natürlich nichts wissen will, geschenkt. es gab schon unpopulärere Gesetze, die dem Volksmaul zum Trotz verabschiedet wurden.

den echten Hemmschuh seh ich ganz woanders, es läuft wieder auf meine Lieblingsdystopie „Demolition Man“ hinaus. ja, der alberne Actionfilm mit Stallone und Snipes, wo die beiden eingefroren in einem Megacitykomplex aus San Francisco, Los Angeles uvm wieder aufwachen, man „Sanfte Grüße“ verteilt, Fleisch, starke Gewürze, Salz und Kontaktsportarten inkl. Sex verboten sind und Kraftausdrücke durch die automatische allgegenwärtige Überwachung mit einem Credit Geldstrafe belegt werden.

beim Punkt starke Gewürze bin ich schon ganz nah dran.
Zucker ist zur Zeit der dernier crí nach vielen anderen Hypes: Fett ist pfui, Eier sind pfui (Cholesteriiiiiiiiiin!), rotes Fleisch ist pfui, pfui hier, pfui da. Ernährung wurde in den letzten Jahren im allgemeinen Gesundheitswahn und der faktischen Sportpflicht zum zentralen Thema – Augenmaß ist out, es muss ein konkretes, elaboriertes Ernährungskonzept sein. Vegetarisch, vegan, roh, paläo, low-carb, no-carb, keton… wer sich einfach nach Lust und Gusto ernährt, steht kurz vor der sozialen Ächtung.

mein Lieblingsfeind im täglichen Konsum ist bekanntermaßen Rewe. die bewegen sich grade aus den Startlöchern mit einer Aktion, ihre Eigenmarken „gesünder“ zu machen. konkret: Salz, Zucker uvm. draus entfernen. ganz volksnah macht man das per (unkontrollierter) Verkostung.
als erstes gab es jetzt ein Set Schokopudding zu kaufen, die normale Standardrezeptur und drei weitere mit 20%, 30% und 40% weniger Zucker. auf der Packung ein Verifizierungscode, mit dem man dann im Netz abstimmen konnte, welche Sorte einem am besten schmeckt, und eine kleine Anleitung, wie man „fachmännisch“ verkostet.
ich hab auch gekostet, allerdings zu spät zum Abstimmen. Standard und -20% nahmen sich nicht viel, -30% ging grade noch so und -40% läuft eher so unter Strafe.
was kam jetzt raus, als die Ergebnisse veröffentlicht wurden, was ist der Abstimmenden liebster Schokopudding? -30% *eek*

an der Methode hab ich gleich mehreres auszusetzen, schon rein praktisch: abstimmen im Netz, damit schließt man schon einen Teil der potenziellen Abstimmer aus, alte Leute haben womöglich nicht mal mitgekriegt, um was es geht.
aber vor allen Dingen: wen spricht so ne Initiative an? die Klientel der Ernährungshype-Fans, der Selbstoptimierer, „ich stehe brav auf, wenn die $_Firma-Smartwatch mir das sagt“ [aus einer Werbung entnommen, aber hier sehr schön bezeichnend passend] und natürlich die Zucker-Feinde.
jetzt mal ganz subjektiv: -20% in dem Pudding, könnt ich easy damit leben, schmeckt völlig OK, hat den nötigen Dopamin-Kick, den ich bei einem Schoko(!)-Pudding(!) auch haben will – sonst könnt ich auch Taschentücher essen.
(ganz abgesehen noch davon, dass es viel sinnvollere Ansätze gäbe, die Aberwitzigkeiten von Food-Design wieder runterzufahren, Laktose in der Wurst, dafür 0,5% Ei in Mayonnaise, an zigtausend Stellen ist richtig viel Unfug im Essen, darunter dann auch mal Zucker und Salz, aber die fallen bei Licht besehen nicht wirklich ins Gewicht, verglichen mit 60% Zusätzen, die in einem herkömmlichen Selbst-Mach-Rezept nicht drin sind, und auch nicht fehlen.)

die Abstimmung mit einem massiven Vorsprung für -30% (original: 5,4% | -20%: 19,6% | -30%: 45% | -40%: 30%) seh ich aber schlicht verfälscht.
wenn die Menschheit schon seit Jahrzehnten was gegen starken Zuckergeschmack hätte, gäbe es die großen Absätze und Umsätze mit massiv süßem Zeug nicht, bei Getränken, bei Süßigkeiten, Schokoladen, Eis usw. usf. da sind aber riesige Absatzmärkte, bei Geschmacksnuancen, die auch mir wesentlich zu süß sind. also eine Ablehnung gegen „süß“ an sich – Fehlanzeige.
dann aber gewinnt ein Pudding mit einer Ahnung von süß und ansonsten auch eher geschmacksarm (nicht mit etwas mehr Schoko ausgeglichen, oder sonstige Chancen, die man hätte wahrnehmen können, wenn man den Zucker runterfährt).

da krieg ich keine logische Erklärung hin, außer der:
Zucker ist der Feind! „wir“ haben die Gelegenheit, Schokopudding umzustellen, damit da nur noch gaaaanz wenig Zucker drin ist. „wir“ wollen ja auch merken, dass wir verzichten auf den Zucker. also ein Pudding mit weniger Zucker, dem man das nicht anschmeckt, wäre gar nicht in „unserem“ Interesse – die Askese ist nicht lustvoll, die Belohnung für den Verzicht muss immer noch irgendwie extern geholt werden. für die täglichen 10.000 Schritte muss die mitzählende Smartwatch zeitnah dudeln und „loben“, am besten noch im Contest mit Familie und Freundeskreis, und wenn „wir“ beim Essen verzichten, dann müssen „wir“ das auch merken, damit „uns“ bewusst wird, dass „wir“ „brav“ waren.

„einfach so“ vernünftig essen, auch mal ein Supersize-Menu reinhauen – macht gar nix, wenn man es nicht zusätzlich zu den anderen fünf Mahlzeiten am Tag ist, sondern dafür halt dann drei oder vier auslässt – das ist unmöglich, nicht gangbar, damit kann man keine App füttern, die dann mit höherem Punktestand, Sternchen und Funkelsound lobt. der Krankenkassen-App für den Beitragsbonus kann man das natürlich auch nicht sagen.
also muss Konzept her, Belohnung, permanente externe Motivation zum „guten“ und „richtigen“ Verhalten.

mit einer Gesundheitswahn-Society, die sich freiwillig – und allen anderen erzwungenermaßen, denn die neue Rezeptur wird die alte ersetzen, nicht ergänzen – den Schokopudding verdirbt (und was noch alles folgen mag) zu einer Akzeptanz für informierte, freie, mündige Entscheidung beim Konsum zu kommen, erst recht beim Konsum von Substanzen, über die immer noch Legenden von sofortiger Abhängigkeit verbreitet werden – mir schwindet die Hoffnung.

Sei großzügig – spende den Tafeln! Pfui!

Tafeln stoßen mir schon lange auf. Weil ich heute im Affekt andernorts einen Kommentar geschrieben hab, paste ich den jetzt hier auch her, Zeit wird’s.

Vom Sozialstaat zum Gnadenstaat? „Ihr ALG2 reicht nicht, gehen sie zur Tafel!“ ist schon gängige Ansage bei den JCs, die Tafeln selbst sind ausgelastet, haben lange Wartelisten. teilweise „beschäftigen“ sie dann noch selbst Transferempfänger auf AGH-/1€-Job-Basis, die können dann gleich am Einsatzort ihren Lebensunterhalt damit decken, was ihnen die Gesellschaft gnadenhalber zur Resteverwertung zukommen lässt.

Die Abartigkeit, dass eine Gesellschaft mit derartiger Produktivität gleichzeitig wieder auf Almosen, Armenspeisungen und Suppenküchen angewiesen ist, wird nur dadurch nicht offensichtlich, dass lange genug kolportiert wurde, die Klientel sei ja schließlich ohnehin nur alkoholabhängig, asozial, Minderleister und generell selbst schuld an ihrem wirtschaftlichen Zustand.

passend dazu sagt man auch nicht mehr „arm“, sondern „sozial benachteiligt“, obwohl letzteres in seinen wirklichen Auswirkungen (Mobbing, Statusverlust, Vereinsamung, eingeschränkte Mobilität, …) real nur die Folge von ersterem, also Unterfinanzierung ist und unterschwellig ebenfalls die Schuld auf den Betroffenen ablädt, schließlich haben die ja irgendwelche sozialen Defizite, die zu ihrer Situation erst geführt haben.großartige Vokabel so gesehen, tauscht Ursache und Wirkung um und verschiebt gleichzeitig noch die Verantwortlichkeit zu den Opfern. rhetorisch großartige Leistung.

Und ein Veränderungsbedarf besteht nicht, der Laden läuft ja…

Bloß keine Empathie! – Echt jetzt?

Anlass war folgender Artikel in der Zeit: „Empathie blendet uns“
Abstract:

Sich in andere hineinversetzen – eine wunderbare Fähigkeit, gerade in Zeiten von Terror und Flucht?
Nein. Ein Gespräch mit dem Psychologen Paul Bloom, der eine Alternative vorschlägt.

der Text dazu entstand ursprünglich als Kommentar bei Facebook, wg. einigermaßenen Zuspruchs transferier ich ihn jetzt auch hierher.

wenn ein Psychologe vs. Empathie argumentiert, werd ich schon spontan skeptisch: das empathische Einlassen auf den Gegenüber ist im therapeutischen Setting eine der Grundvorraussetzungen überhaupt. der therapeutische Aspekt mag bei seiner, also Paul Blooms, Arbeit weniger eine Rolle spielen, aber er diskreditiert Empathie ja nachgeradezu.

die zitierte mediale Präsentation von menschlichem Leid zur Rechtfertigung von Kriegen etc. zielt mMn auch gar nicht in erster Linie auf Empathie ab, sondern auf den sozialen Druck einer (vermeintlichen?) sozialen Verpflichtung – „du kannst doch nicht allen Ernstes dagegen sein, dieses Kinderelend zu beenden!?!“

weiterhin das Experiment zu Empathie und Rache. die Forschung dazu läuft noch, allein deswegen find ich es schon unsauber, schon von Ergebnissen zu reden (sowas macht sich zB medial ganz schnell selbständig). außerdem ist derartige Empathie wie im Beispiel zitiert oft auch ganz falsch verstanden. viele Opfer haben nämlich grade diesen Rachegedanken nicht. das ist so eine Pseudo-Empathie, in die imo auch die Hilflosigkeit reinspielt, dem Opfer wirkliche Hilfe zu leisten, „gehen wir halt auf den Täter los, wenn wir schon sonst nichts tun können“. (kann ich mir großartig als Comic-Strip von Erzaehlmirnix vorstellen btw)

vor mir wurde noch folgendes kommentiert (minimal zusammengefasst, Verfasser bekannt, hier aber absichtlich namentlich weggelassen):

und genau das laesst soziale dienste so mangelhaft sein wie sie sind.
diese einstellung ist keine wirkliche hilfe mehr; symptomatisch fuer den seit jahren anhaltenden abbau des sozialen, nun auch ideolgisch bei der medialen deutungshoheit angelangt.
ich geb mir sowas vllt wenn ich nach einer zielgerichteten funktionalen adjustierung meiner konstitution suche; einer stromlinienfoermigen anpassungsunterstuetzung. sicher aber nicht wenn ich wirkliche verstehende hilfe suche.
ein ziemlich erbaermliches eingestaendnis der ueberforderung in der sozialen und therapeutischen arbeit mmn.

da muss ich in der Tat zugeben, dass ich diese Implikationen für die soziale und therapeutische Arbeit nicht ganz nachvollziehen kann. vllt. denke ich auch einfach nicht tief genug. also, ich halte das nicht für falsch gedacht, komme nur selbst einfach nicht so weit, was die Auswirkungen betrifft (dass Empathie eine Grundvoraussetzung für die therapeutische Beziehung darstellt, hab ich ja auch schon eingangs erwähnt).

das ändert aber nichts daran: diese totale förmliche Diffamierung der Empathie ist imo grundfalsch. richtig ist zwar, dass die Ableitung von Handlungen erfordert, dass die Ratio eingeschaltet wird, was im Artikel dann unter Mitgefühl firmiert. rationales Helfen ohne vorherige, auch intensive, Empathie bleibt aber oberflächlich, geglättet, und kalt, nach dem Motto „komm mir mit deinen Problemen ja nicht zu nahe“ und das kann in jedem Fall nur falsch sein.