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„Chronisch“ arbeitslos

Im Morgenmagazin gehört, zitert aus ARD-Text, Seite 141 (10.1.2018, 7:00 Uhr):

Weniger „chronisch“ Arbeitslose
Die Zahl der Menschen mit andauernden Problemen bei der Jobsuche ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Galten 2006 noch 2,6 Millionen als „chronisch“ arbeitlos, waren es 2015 nur 1,2 Millionen. Damit hat sich der Anteil mehr als halbiert.
Im Gegensatz zu Langzeitarbeitslosen (12 oder mehr Monate durchgängig ohne Job) können „chronisch“ Arbeitslose trotz kurzer Phasen der Beschäftigung oder Fördermaßnahmen auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen. Die Zahl der Langzeitarbeitlosen ging von 2006 (1,9 Millionen) auf 500.000 (2015) zurück.

[sic, die Inkonsistenz der Wiedergabe von 2006-2015 ist so im Text]

Von den Schwächen der Arbeitsmarktstatistiken mit ihren Ausschlüssen von Millionen Menschen und der dadurch systematisch unterschätzten Zahl Betroffener, der konsequent unterbleibenden Einführung einer „Unterbeschäftigten-Statistik“, die da wesentlich ehrlicher wäre, der eigentlich falschen Bezeichnung „arbeitslos“ und dem besseren Begriff „erwerbslos“ und dem Dogma Erwerbsarbeit als einzige Option für Strukturierung und Sinnfindung mal ab – mein Standpunkt dazu sollte im Wesentlichen bekannt sein.

Aufreger heute ist die Bezeichnung für diejenigen, die im erfolgreich eingeführten Niedriglohnsektor mit beschränkten Arbeitnehmerrechten (den Begriff mag ich auch nicht, siehe dazu auch die ‚Fußnote‘ im ersten Blogpost zu Streiks) nicht „Fuß fassen“ -
und hier schon wieder ein kurzer Exkurs: Oder aber der Dumping-Sektor funktioniert durchaus wie geplant und produziert nachhaltig einen Pool von prekär Beschäftigten, die zwischen ALG2, Leiharbeit, „Förder“maßnahmen wie 1-€-Jobs, Saisonjobs usw. pendeln und den Status „Langzeiterwerbslos“ nie ganz verlieren. Vorteil für die Beschäftiger: Langzeiterwerbslosen steht zB kein Mindestlohn zu, stattdessen aber Lohnsubvention durch die vermittelnde Behörde (AfA/JC), auch „Praktika“ mit geringer/keiner Entlohnung werden immer wieder gerne genommen. Es erschließt sich also eine gewisse Attraktivität, diese billigen Arbeitskräfte nicht zu weit zu fördern und nicht zu lange zu beschäftigen, damit nicht die üblichen Arbeitnehmerrechte anfangen zu greifen.
Exkurs Ende.

Also, es gibt immer noch, selbst nach offizieller Zählung, 1,2 Millionen Menschen, die aus dem Status der Unterbeschäftigung zwischen Jobcenter, Jojo-Jobs, Maßnahmen, Kurzeinstellung und Entlassung mutmaßlich noch in der Probezeit nicht herauskommen. Die sind nicht langzeitarbeitlos, sondern kriegen immer mal wieder ’nen Job und fliegen dann wieder raus. Bzw. werden kurzzeitig abhängig beschäftigt und dann wieder freigesetzt – aus Sicht der Wirtschaft doch eigentlich der Traum von Flexibilität und kurzfristiger Disponierbarkeit von Arbeitskräften.
Obwohl die überflexibel Beschäftigten also eigentlich die Idealvorstellung der modernen Arbeitskräfte darstellen, kriegen sie das Etikett „chronisch“ arbeitlos.

„Chronisch“, das hat Krankheitswert. Ich bin nicht chronisch gut drauf, chronisch glücklich, chronisch gesund, chronisch erfolgreich. Ich bin chronisch depressiv, chronisch vom Pech verfolgt, chronisch krank, und das vor allem, wenn ich mich zu lange nicht gekümmert habe(!) und die Krankheit verschleppt. Und jetzt neu: Chronisch arbeitslos.

Der Duden sagt zu chronisch:

Bedeutungsübersicht

1. (Medizin) (von Krankheiten) sich langsam entwickelnd und lange dauernd
2. (umgangssprachlich) dauernd, ständig

Oh, umgangssprachlich heißt das auch ’ständig‘. Erwarte ich von einer offiziellen Arbeitsmarktstatistik Umgangssprache? Doch eher nicht!
Achso, deswegen hat man es ja in Anführungszeichen gesetzt, um auszudrücken, dass es keine hochwissenschaftliche (medizinische) Bezeichnung darstellt?
Ob sich das jedem so erschließt, oder ob da nicht eher die Assoziation zu Krankheiten einsetzt? Wie oft benutzt man „chronisch“ umgangssprachlich positiv? „Du hast ja auch chronisch das Glück gepachtet“, oder „Dem seine Beziehung ist ja chronisch harmonisch“ – kommt mir ehrlich gesagt nicht so umgangssprachlich normal vor, höchstens noch mit einem sarkastischen Unterton.

Ich sehe da, so leid es mir tut und so bereit der Aluhut neben mir liegt, doch auch wieder eine geschickte Sprachverhunzung.

„Bestimmte Menschen sind chronisch arbeitslos, in der Regel trifft das besonders die sozial Schwachen.“

- um es mal mit der anderen Floskel, die ich so sehr hasse, direkt in einer spekulativ entworfenen Formulierung zu verbinden. Kann man sich doch gut vorstellen, dass das so in der Zeitung steht, oder?

Der Kniff dabei ist, die Schuld für die Situation den Betroffenen zuzuschieben. Arbeitslosigkeit als chronischer, quasi pathologischer Zustand, der bei der nicht so genau zu definierenden Gruppe „sozial Schwache“ eintritt, mit der man am Liebsten möglichst wenig gemein hat. Sozial schwach, das ist so negativ, das kann man ganz leicht von sich weisen. ‚Ich bin sozial richtig gut, meine social Skills pflege ich im Verein und unternehme mindestens 2x die Woche was mit meinen Freunden‘, kann man sich denken und sich beruhigt zurücklehnen.

Ehrlich wäre, das Thema beim Namen zu nennen und „arm“ zu sagen. Aber Armut, das passiert, das stößt einem zu: „Die Witwe ist nach dem Tod ihres Mannes völlig verarmt“, „Er stammte aus armen Verhältnissen“.
Sozial schwach hingegen, das ist ein Defizit, das liegt bei den Betroffenen, da klingt ‚asozial‘ mit, und die fehlende Bemühung, sozial zu sein.

„Sozial benachteiligt“, was noch etwas differenzierter klingt und gelegentlich verwendet wird, beschreibt die Auswirkungen von Armut: Man ist einfach nicht mehr in der Lage, mit den sozialen Aktivitäten Schritt zu halten. Wöchentlich ins Kino und danach noch auf einen Drink? Unbezahlbar. Aber wenn man oft genug absagt, verlieren die Freunde die Lust an einem, man gerät in Vergessenheit. Die Mitgliedschaft in Vereinen wird man aufgeben oder sehr genau aussortieren müssen, kostet ja auch Geld. „Wie, du streamst deine Musik nicht aufs Handy? Völlig von gestern, oder was?“ – aber Streaming gibt’s im Abo, 10€ im Monat, die man entweder nicht hat, oder vom Kino abziehen muss, oder… Nicht mal Mobilität ist in jedem Fall gegeben, oder spätestens auf Dauer: Sicher kann man das Rad nehmen oder laufen, aber fürs Rad braucht’s auch die passenden (warmen) Klamotten, oder was wasserdichtes zum Überziehen, und wenn dann mal ein Schlauch kaputt geht und die Schuhe durchgelaufen sind? Und die Leute zu sich nach Hause einladen, wenn man den Platz hat, mag das ein paar Mal gehen, aber die wollen nicht immer ihre Sachen mitbringen (bewirten??), oder mal wieder was anderes erleben. Und was es mit der Psyche macht: Selbst im Discounter immer nach unten bücken, wo die einfache Eigenmarke steht, in der ganzen Küche nur noch uniforme schmucklose Produkte mit einfachem Logo; abwägen, ob das Sonderangebot die Anreise dahin lohnt, rechnen, ob man sich das Duschgel für 1,49 statt der Eigenmarke für 0,59 diesen Monat gönnen kann… Im Amt steht dann eine wohlmeinende Stromberatung, die neuen LED-Leuchtmittel sind mit einer Woche Kartoffeln vllt. noch drin, aber von was soll man sich denn einen sparsamen Kühlschrank kaufen?

Das ist das, was aus Armut resultiert, schon vom Wohnen in der billigeren Gegend kriegt man einen mieseren Schufa-Score, potentielle Arbeitgeber schauen schon auch mal auf die Postleitzahl oder den Namen der Schule und sortieren danach aus, und noch so viel mehr. Armut macht soziale Nachteile, macht sozial schwach. Aber so unreflektiert und selbstverständlich, wie es gebraucht wird, steht die Floskel inzwischen für sich alleine, und über die Auswirkungen von Armut weiß außer den Betroffenen und ein paar Forschern1 keiner Bescheid und man denkt nur an Tafel, Flaschensammler und unbezahlte Stromrechnungen. Sozial schwach, und das jetzt auch noch chronisch…!2

Das ist das, was ich daran so bitterlich ankreide: Man schiebt über eine vermeintlich harmlose Formulierung die Schuld am Zustand den Betroffenen zu.

  1. (ja, Arbeitslosenforschung gibt es, sogar engagiert und kritisch [zurück]
  2. siehe weiter beim ‚Krankheitswert‘ von chronisch: wenn man sich zu spät kümmert, wird die Krankheit chronisch. die Erwerbslosen kümmern sich wohl zu schlecht um Arbeit, drum sind sie jetzt chronisch arbeitslos. oder wie sonst kommt das, dass sie trotz Beschäftigungen und Fördermaßnahmen(!) nicht dauerhaft in Arbeit bleiben….? [zurück]

Stigma Sozialhilfe – ?

Ganz aktuell aus der Beobachtung raus aufgeschrieben:

10vor10, Nachrichtenmagazin des Schweizer Fernsehens, berichtet über Sozialhilfe in der Schweiz.
Exemplarisch wird die Situation geschildert an einer allerziehenden Mutter Celine B., die nach Scheidung mit dem 7-jährigen Sohn seit vier Jahren von Sozialhilfe lebt.
- Vom Hörensagen ‚weiß‘ man ja, Leben in der Schweiz ist teuer. die tatsächliche Kaufkraft in Relation zu Deutschland hab ich nicht erforscht, uA ist mir entgangen, wo Celine B. lebt. Die Summen stehen hier jetzt einfach so, wie sie im Bericht erwähnt wurden. Eine vage Einschätzung wurde im Bericht gegeben. -
Nach allen Abzügen von Miete, Versicherungen etc. blieben ihr und ihrem Sohn im Monat 1.500 Franken. Das sei viel für die Gemeinschaft, die das bezahlen muss, aber wenig für die, die damit auskommen müssen. Celine B. wird gefragt, wie viel sie für Nahrungsmittel im Monat ausgibt, so um die 300 Franken, und ungläubig wird nachgefragt: „Im Monat!?!“ – überlegt, schließlich schüchtern „Hmmja, doch.“
Zu Wort kommt auch ein Mitarbeiter der Caritas, die einen Laden mit billigeren Produkten betreibt.
Der Mitarbeiter des Ladens erzählt, die Betroffenen gingen oft nicht zum Arzt, weil sie sich die Zuzahlung nicht leisten können, ernähren sich notgedrungen „nicht so gut“ weil sie die besseren Sachen nicht bezahlen können, kauften keine neuen Schuhe, solang die alten noch halbwegs(!) wasserdicht seien. Man müsse nicht verhungern, aber es reiche auch nicht aus und das habe auch Auswirkungen.
Aufnahme zu Hause bei Celine B. und ihrem Sohn. Die Bilder zeigen eine saubere kleine Wohnung, in der Celine B. mit ihrem Sohn an einem kleinen Küchentisch zu Mittag ist, deutlich zu sehen frisches Grün, Salat. Eine zarte junge Frau, dezent geschminkt, gepflegt, bescheiden, traurig über ihre vergeblichen Mühen, aber ohne Groll oder Resignation. Der Sohn, altersgemäß, isst manierlich am Tisch, ebenfalls sauber, gut angezogen.
Celine B. hat einen Handwerksberuf gelernt und kann ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Sie berichtet, eine Anstellung zu finden sei sehr schwer, weil Angestellte gesucht werden, die ausgebildet sind, die Firmen suchten keine Lehrlinge, sonst hätten sie eine Lehrstelle ausgeschrieben. Auf „Hilfsjobs“ angesprochen erklärt sie, solche Jobs würden überhaupt nicht ausgeschrieben, die würden wohl nur über Beziehungen vergeben.
Mehrfach habe sie bereits eine Umschulung beantragt, die sei aber nicht genehmigt worden – da sie bereits eine abgeschlossene Ausbildung hat.
Eine Förderinitiative für Alleinerziehende bestätigt Celine B.s Schilderung, dass es ohne Ausbildung fast unmöglich ist, einen qualifizierten Arbeitsplatz zu bekommen, zumal, wenn noch Kinderbetreuung geleistet werden muss.
Abschließend noch ein Hoffnungsschimmer, Celine B. hat einen Praktikumsplatz im kaufmännischen Bereich gefunden und kann dort Erfahrungen sammeln. Dies sei noch keine Ausbildung, aber ein Anfang.

Fällt schon was auf?
- die Sozialhilfe ist teuer für die Gemeinschaft – aber wenig für die Betroffenen
- die Ausgaben für die Lebensmittel sind so niedrig, dass die Reporterin es fast nicht glauben kann, die ungläubige Nachfrage ist auch im Bericht noch erhalten
- beim Essen ist trotzdem frisches Grün auf dem Tisch, ‚vernünftige‘ Ernährung
- die Sparmaßnahmen der Armen werden erwähnt und gewürdigt, die Unterfinanzierung zugegeben
- Celine B. hat nachvollziehbare Gründe dafür, dass sie keine Arbeitsstelle findet, und diese werden bestätigt
- das Dilemma Ausbildung – gesundheitliche Gründe – keine neue Ausbildung weil bereits eine vorhanden, wird benannt

Wäre so ein Bericht vorstellbar in Deutschland, über eine geschiedene junge Mutter mit Kind?
Kann man sich vorstellen, dass hier klipp und klar gesagt wird, 409+291€ für Mutter und Kind seien wenig Geld für die Betroffenen? Dass klar gesagt wird, dass es einfach unmöglich sein kann, quer einzusteigen, egal was man anstellt und dass das Arbeitsamt einen dabei nicht konstruktiv unterstützt?
Würde man hier nicht viel mehr erwarten, dass sich garantiert was zu mäkeln findet an der Person, sei es durch die Darstellung: Zu viel oder zu wenig MakeUp, einen wie zufälligen Seitenblick auf noch nicht weggebrachtes Leergut in der Küche, am Besten noch mit 2-3 Flaschen Bier oder Wein, kein Obst oder Salat beim Essen, statt Bildern vom kleinen Küchentisch Bilder vom Wohnzimmer mit Flatscreen? Sei es durch den Kommentar zum Bericht, der da oder dort doch Ausgaben erwähnt, die eventuell nicht unbedingt sein müssten, wenn man doch sparen muss, der vllt. doch anzweifeln würde, ob sie sich genug bemüht? Sei es durch Stimmen aus dem Caritas-Laden, oder der Förderinitiative, die zur Not so zusammengeschnitten werden, dass sie anders klingen? Sei es, dass man, anstatt die Aussage, Hilfsjobs gäbe es nur über Vitamin B von Celine B. direkt zu zeigen, dies als Kommentar einsprechen würde: „Celine B. sagt, Hilfsjobs würden nicht ausgeschrieben“, wobei der Konjunktiv und die indirekte Rede sachlich korrekt sind, aber je nach Gesamtfärbung des Berichts auch Zweifel an der Aussage suggerieren können? Besteht in Deutschland nicht schon generell die Erwartungshaltung, Leistungsempfänger auf ALG2-Niveau sollten generell höchstens beim Discounter oder besser gleich bei Tafeln, Second-Hand-Kaufhäusern und Kleiderkammern einkaufen und Schuhe, die noch halbwegs wasserdicht sind, reichen aber allemal noch aus? Enden solche begleitenden Berichte nicht meistens damit, dass ein begleiteter Leistungsempfänger irgendeine Chance bekommt (Job, Praktikum), um sie dann zum Stichtag nicht anzutreten?

Da ist die Saat aufgegangen, von der „sozialen Hängematte“, das Gerede von „kein Recht auf Faulheit“ und „Dekadenz“.
Da sind Maßstäbe verkehrt worden.
Das Lohnabstandsgebot ist pervertiert dahin, dass die Niedriglöhne Abstand zur Sozialleistung definieren, die noch weit drunter liegen muss, anstatt vom Existenzminimum einen Abstand zum Mindestlohn zu definieren.
uvm., ich hab nicht mal mehr Lust, das alles aufzuschreiben, mit dem dafür gesorgt wird, dass die Armen den Ärmsten die Butter auf dem Brot nicht gönnen und die Reste solidarischen Denkens von Furcht vor dem Abstieg aufs Minimum verdrängt wurden.

In der Schweiz ist nicht alles golden und die Gesellschaft dort viel wärmer, das bild ich mir nicht ein. Der Bericht aber war so bemerkenswert anders, so ohne Schuldzuschreibung zur Arbeitslosen, ohne Verdacht auf Dekadenz und Verschwendung, dass ich das jetzt festhalten musste.

G20 meets Wahlkampf?

Montag, 21.8., sechs Wochen nach G20.
Sechs Wochen nachdem ein schließlich genehmigtes Protestcamp von der Polizei verhindert und geräumt wurde; bei dem Popup-Wurfzelte Anlass für Wasserwerfer waren. Sechs Wochen nachdem die „embedded journalists“ selbst konservativer Medien und sogar ausgerechnet der BILD live von der „Welcome to hell“-Demo twitterten und auch im Nachhinein dabei blieben: Was die Polizei bei der Verhinderung der Demonstration abgeliefert hat, spottet jeder Beschreibung. Sechs Wochen, in denen zunächst noch viel Panik verbreitet wurde, linksradikale Gewalt als DIE Gefahr schlechthin aufgebaut wurde. In denen sich aber auch nach und nach herausstellte: Was in der Hitze der Nacht und des Gefechts zum Betonplatten bewehrten Hinterhalt erklärt wurde und Truppen mit Sturmgewehren den Weg bahnte, waren nur Schaulustige, die möglicherweise Böller warfen, vielleicht aber auch gar nichts.
Jedenfalls, sechs Wochen, in denen von Anfang an viel Kritik an der repressiven Linie gegen die Gipfelgegner auch aus unverdächtigen Ecken zu hören und lesen war und in denen sich manch Schreckensszenario allermindestens als Fehleinschätzung herausstellte.

Und jetzt kommt 3sat in der Themenwoche Demokratie-Dämmerung mit einer Reportage von ZDFZoom daher und teast unter der Überschrift “ Autonom, radikal, militant? Inside linke Szene“:

Die Bilanz ist verheerend: Während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wurden mehr als 200 Polizisten verletzt. „ZDFzoom“ beobachtete die linke Szene vor und während der Gipfelproteste.

Da muss ich jetzt diesen Punkt der verletzten Polizisten vorziehen und kurz wiederholen, dass verletzt nicht dienstunfähig bedeutet und schon gar nicht krankenhauspflichtig. Verletzte Polizisten sind auch: Hitzschläge, Dehydrierung, verstauchter Fuß, Seitenstechen und immer besonders beliebt: Friendly Gas. Man pisst eben nicht gegen den Wind, wenn man ein wenig Ahnung hat. Zurück zu den Verletzten: Dienstunfähige Polizisten gab es afair weniger als 10.

Was ich nicht will, ist G20 re-diskutieren. Anlass des Posts ist der sagenhaft miese Beitrag von ZDFZoom.

Welcome to hell-Demo. „Der schwarze Block formiert sich“, ein „harter Kern“ nimmt die Vermummung nicht ab „– es kommt zur Straßenschlacht“. Das kann man natürlich schon so formulieren. Dann muss man sich aber auch die Kritik gefallen lassen, mit dem Bindestrich ein paar Fakten verdeckt zu haben: Die Demo war teilweise vermummt, aber stockfriedlich, bewegungslos und von drei Seiten eingekesselt durch einen gemauerten Flaschenhals an beiden Seiten und eine Polizeihundertschaft von vorne. Als es zur Straßenschlacht kommt, lautet der Kommentar „Flaschen und Steine gegen Tränengas und Wasserwerfer“, und im Bild fährt eben dieser Wasserwerfer scharf spritzend in die eben noch stillstehende Demo, die keine Ausweichmöglichkeiten hat, frontal hinein, spritzt die Leute von den seitlichen Mauern, auf die sie teils in Panik geklettert sind. Das erfährt aber in der „Reportage“ keine Erwähnung.

„Wir tauchen ein in die Szene“, die klandestine, abgeschottete, schwer aufzufindende. Die rein im Untergrund agierende und daher bis heute kaum bekannte Politpunkband „Slime“ wird interviewt, man traf sich in Osnabrück (vermutlich Backstage, so sah es jedenfalls den Bildern nach aus). „Bullenschweine“, seit Jahrzehnten auf dem Index – wo es heutzutage wahrscheinlich gar nicht mehr landen würde. Im Interview habe sich Dicken als Opfer von Polizeigewalt dargestellt, doch auf der Bühne „unverhohlene Aggression, pauschale Beleidigung“ mittels „All Cops are Bastards“, das als T-Shirt hochgerichtlich festgestellt nicht strafbar ist. Ach ja: Bei G20 seien sie auch aufgetreten. Diese bösen Gewalttäter von Slime und ihre „Szene“.

Dann wieder zurück zu G20 und den verletzten Polizisten. Die Feinheiten beamteter Verletzungen werden selbstredend nicht erklärt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es auf Seiten der Gipfelgegner, und selbst vollkommen unbeteiligter Anwohner, Partygänger, Passanten, ebenfalls eine erkleckliche Zahl Verletzter gab, ohne dass die jeweils unmittelbar in Akte verwickelt gewesen wären, dass eine solch brachiale Gegenwehr seitens der Polizei nötig gewesen wäre. Mehrfache Berichte aus verschiedenen Perspektiven – die dadurch den Verdacht, eine Falschmeldung sei wieder und wieder verbreitet worden, nicht allzu nahe legen – berichteten beispielsweise von einer Gruppe Personen, die auf ein Geländer zu und durch weiteres Anstürmen der Polizei darüber hinweg bzw. durch dieses hindurch gedrängt wurde, hinter dem Geländer aber ein Höhenunterschied von mehreren Metern auf eine harte/betonierte Fläche bestand. Mehrere Personen aus der Gruppe stürzten die Mauer hinunter und verletzten sich dabei schwer, es wurde mehrfach von offenen Knochenbrüchen berichtet und im Nachgang dazu noch als Krönung verzögerte Hilfsmaßnahmen und weitere Gewaltanwendung durch die Polizei. Klingt jetzt irgendwie komisch und geschraubt, ich bemühe mich aber um eine neutral gehaltene Schilderung meiner Erinnerung an die diversen Berichte.

Als Zentrum der linken Umtriebe wird Berlin ausgemacht und ausgiebig Stellungnahmen eingeholt von der dortigen, eigentlich doch noch recht frischen RRG-Regierung. Fein säuberlich die Parallelen hervorhebend, die die Politiker bei ihren Aussagen mit den kriminellen, schier terroristischen Gewalttätern der linken Szene verbinden.

Der Beitrag schließt mit dem menetekelnden Fazit:
„Die Sicherheitsbehörden haben gewarnt. Es war die Politik, die das wohl unterschätzt hat. Jetzt muss sie Antworten finden auf drängende Fragen zum Thema Extremismus von Links.“

Die journalistischen Schwächen, gepaart mit der Rethorik „wir tauchen ein in die Szene“ – und fanden dabei seltsamerweise immer offene Leute vor, die freigiebig Auskunft gaben, unvermummt, ohne Stimmverfälschung und Schattenleinwand –, die kaum verhohlene Gleichsetzung von Politikern, die sich zu Antifaschismus und Antirassismus bekennen mit der halb im Untergrund agierenden „linken Szene“ und dem mahnenden Schlußwort, das auch noch mal fürsorglich die aufpeitschenden, Terror konstruierenden ‚Sicherheitsbehörden‘ in Schutz nimmt, hinterlässt der Beitrag bei mir nur einen Eindruck: Recht gezielt zum Wahlkampf gelauncht und im Auftrag des ZDF produziert eventuell bis vermutlich wohltätig gesponsort aus der Richtung INSM und Interessenverwandte.
- Wenn ein Fernsehbeitrag einer ansonsten relativ guten Reportagereihe einen so eklatant miserablen Ausreißer hinlegt, muss man sich doch fragen: Cui bono.

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Zum Erinnern an G20 ein paar (Tausend) Links aus meiner subjektiven, tendenziösen, persönlichen Sammlung

… ich könnte noch stundenlang weiter Links hier einkopieren. Die Twitter-Links sind übrigens keine „ich werd grade verprügelt“-Einzelmeldungen, sondern Screenshots von oder Links zu ‚offiziellen‘ Meldungen

Sei großzügig – spende den Tafeln! Pfui!

Tafeln stoßen mir schon lange auf. Weil ich heute im Affekt andernorts einen Kommentar geschrieben hab, paste ich den jetzt hier auch her, Zeit wird’s.

Vom Sozialstaat zum Gnadenstaat? „Ihr ALG2 reicht nicht, gehen sie zur Tafel!“ ist schon gängige Ansage bei den JCs, die Tafeln selbst sind ausgelastet, haben lange Wartelisten. teilweise „beschäftigen“ sie dann noch selbst Transferempfänger auf AGH-/1€-Job-Basis, die können dann gleich am Einsatzort ihren Lebensunterhalt damit decken, was ihnen die Gesellschaft gnadenhalber zur Resteverwertung zukommen lässt.

Die Abartigkeit, dass eine Gesellschaft mit derartiger Produktivität gleichzeitig wieder auf Almosen, Armenspeisungen und Suppenküchen angewiesen ist, wird nur dadurch nicht offensichtlich, dass lange genug kolportiert wurde, die Klientel sei ja schließlich ohnehin nur alkoholabhängig, asozial, Minderleister und generell selbst schuld an ihrem wirtschaftlichen Zustand.

passend dazu sagt man auch nicht mehr „arm“, sondern „sozial benachteiligt“, obwohl letzteres in seinen wirklichen Auswirkungen (Mobbing, Statusverlust, Vereinsamung, eingeschränkte Mobilität, …) real nur die Folge von ersterem, also Unterfinanzierung ist und unterschwellig ebenfalls die Schuld auf den Betroffenen ablädt, schließlich haben die ja irgendwelche sozialen Defizite, die zu ihrer Situation erst geführt haben.großartige Vokabel so gesehen, tauscht Ursache und Wirkung um und verschiebt gleichzeitig noch die Verantwortlichkeit zu den Opfern. rhetorisch großartige Leistung.

Und ein Veränderungsbedarf besteht nicht, der Laden läuft ja…

Auf den VWL-Topf passt kein BWL-Deckel

pflegeberufe sind unterbezahlt

das Bild scrollte heute im blauen (Gesicht-)Buch an mir vorbei. soweit so gut, nichts einzuwenden.
dass sich in den Kommentaren natürlich auch das unvermeidliche Rudel Verrückter findet, die nur die Migrationsbewegungen der letzten drei Jahre dafür verantwortlich machen – geschenkt. so blöd muss man erstmal sein, zu meinen, Pflegenotstand und Unterbezahlung sozialer Berufe seien ein neues Phänomen, dafür gibt’s sogar einen Extrapunkt fürs Schreiben-Können.

aber die wirkliche Ursachenforschung, die wäre halt mal interessant, und mit der befassen sich auch die nicht, die etwas weiter als von zwölf bis mittags denken können.

besser bezahlte Pflegeberufe, und Pflegeschlüssel, die eine wirkliche Pflege und nicht nur Notversorgung ermöglichen, das ergäbe sich von selbst, wenn Grundversorgungsbereiche nicht gezwungen würden, „wirtschaftlich“ zu arbeiten. Pflege, aber auch ÖPNV, Wasser, Strom, Straßen, Infrastruktur gehört schlichtweg nicht privatisiert und BWL-“Logik“ unterworfen. dann klappt’s auch mit Gehältern – und mit der Qualität auf einmal auch*, ja sowas.
*bzw. auch wieder, wie Gemeinden festgestellt haben, die ihre privatisierten Betriebe zurückgekauft hatten. und es kommt auf einmal sogar billiger, den Betrieb zu betreiben, als die Leistung einem Privatbetreiber abzukaufen.

nur leider läuft das dem heiligen Credo der Privatisierung, Outsourcing, „PPP“ public-private-partnership etc. zuwider, und erfordert halt auch mehr Überlegung und Überblick, als stures Anwenden von Prinzipien, die für einen Privathaushalt evtl. Sinn ergeben oder für einen kleinen Betrieb – aber schon große Firmen, von Konzernen ganz zu schweigen, haben erkannt, dass vermeintlich unnötige Ausgaben auf wundersame Weise mehr Nutzen bringen.

ich denk mir mal was aus, zB einen Betriebskindergarten. Nahe am Betrieb, den Bedürfnissen dort Angestellter Eltern angepasst, zB was Öffnungszeiten angeht. Sowas bringt auf den ersten Blick gar nichts, nur Kosten für Räume und Personal.
allerdings sind die Mitarbeiter entspannt, wenn sie ihre Kinder gut versorgt wissen, noch dazu in ihrer Nähe, und die Öffnungszeiten den eigenen Arbeitszeiten angepasst sind. entspannte Mitarbeiter können sich auf ihre Arbeit konzentrieren und bringen bessere Leistung. entspannte und konzentierte Mitarbeiter, die dadurch in der Lage sind, hohe Leistung zu erbringen, erfahren dadurch auch Bestätigung – also richtig verstehen hier, nicht erst dadurch, dass der Vorgesetzte die Leistung würdigt, sondern allein dadurch, dass die Leistung erbracht werden kann, steigt die Zufriedenheit mit der Arbeit und dem Arbeitsplatz. das hebt natürlich wiederum die Motivation und das Engagement, der Einsatz und damit die Leistung und das Ergebnis steigen noch mehr an.
dass das hier ein Idealbild ist, ist mir auch klar. es gibt natürlich noch zig Faktoren mehr, die auf Arbeitsplatzzufriedenheit, Motivation, Leistung usw. Einfluss nehmen. andersherum hat eine solche betriebliche Einrichtung u.U. auch noch andere positive Faktoren für den Betrieb –
aber selbst, wenn das Beispiel in der Realität gar nicht aufgehen sollte (was ich nicht glaube), der springende Punkt ist: auf den ersten Blick sieht das nach einer Investition aus, die nur kostet und keinen ROI bringt, wie es so schön heißt, also Return on Investment, sich halt nicht auszahlt. rein karitative mildtätige Aktion des Arbeitgebers. weil man halt kein Unmensch ist.
Moment – wozu würde man das den demonstrieren wollen? achso, zur Imagepflege. wozu denn ein Image, vom Image kann ich mir doch nix kaufen. irrelevant. – oder auch nicht, wenn das Image meiner Firma so schlecht ist, dass es Kampagnen dagegen gibt, oder gar Boykotte, oder sich die Aktienanleger von mir zurückziehen. also hat selbst das rein ideel vorhandene Image doch auch einen monetären Wert, hoppla. noch dazu einen, auf den man nicht mal Steuern zahlen muss.
also rentiert sich selbst Imagepflege. und dass unzufriedene Angestellte und Arbeiter, die längst innerlich gekündigt haben und nur noch Dienst nach Vorschrift runterleiern, nicht die beste Basis für gute Arbeitsqualität sind, sollte sich sogar in die hintersten Winkel rumgesprochen haben.

so. jetzt mal zurück zur öffentlichen Infrastruktur, zu hoheitlichen Aufgaben der Grundversorgung, Wasser, Strom, Personen- und Güterverkehr und Gesundheitswesen. selbst wenn man jetzt über den Staat denkt wie über einen Betrieb. inwiefern zahlt sich aus, wenn ich qualitativ hochwertige Arbeitsbedingungen schaffe?
einmal durch geringere Störanfälligkeit. gut gewartete Maschinen produzieren zuverlässiger und man riskiert keine unkalkulierbaren Ausfallzeiten durch große Reparaturen. analog dazu gewährleistet eine zuverlässige Infrastruktur, Wasser, Strom, Straßen, öffentliche Verkehrsmittel, dass Bürger wie Unternehmen sich ihrem Beruf bzw. Geschäft widmen können und nicht erst dafür sorgen müssen, dass sie überleben bzw. produzieren können.
zweitens durch hohe Motivation der Arbeiter/Angestellten. gute Arbeitsbedingungen fördern die Zufriedenheit und die die Motivation, dadurch steigen Produktivität und Qualität. hat man das Gefühl, als Individuum wichtig zu sein, fühlt man sich damit besser, als wenn man sich nur als ein austauschbares mechanisches Bauteil fühlt. hat man das Gefühl, es werde sich um seiner selbst willen um einen gekümmert, ist das aufbauender, als wenn man nur gesund sein soll, damit man kein totes Kapital darstellt geschweigedenn Kosten verursacht.

Arbeitskräfte im kleinen (Betrieb) genauso wie Menschen, Bürger im großen (Staat) wollen als ganzes wertvoll und wichtig sein, und nicht nur aufgrund ihrer Produktivität und Kosteneffizienz. Arbeitskräfte kündigen innerlich, machen Dienst nach Vorschrift und klauen Arbeitsmaterial, Menschen wenden sich vom Land/Staat als sozialem Gebilde ab, schauen ihrerseits nur noch nach ihrem eigenen Vorteil, arbeiten schwarz und hinterziehen Steuern.
Aktuell ist zeigt sich ein Ergebnis dieser Entwicklung weg von Solidaritätsprinzip und gemeinschaftlicher Vorsorge hin zu egoistischem Vorteilsdenken daran, dass Versicherungen zunehmend nur noch als Geldanlage betrachtet werden. Es wird offen damit Reklame gemacht, es sei doch nicht fair, dass man Jahr für Jahr Versicherungsbeiträge bezahlt und dann ja „gar nichts“ davon hat. Da gibt es mehr und mehr Bonuszahlungen für nicht in Anspruch genommene Leistungen – bei der Hausratversicherung ist das noch relativ unschädlich, bei der Krankenversicherung kann solch eine Entwicklung fatale Folgen haben, ich hab erst letztens in einem Absatz über die Entsolidarisierung geschrieben – zur Zeit ist Gesundheit eh schon das Goldene Kalb, um das sich einfach alles dreht, jede Woche wird einem neuen Hype hinterhergehechelt und ich mag mir gar nicht vorstellen, was das für Blüten treibt, erst kommen Boni für die freiwillige Preisgabe der Fitnessarmband-Daten, als nächste Aufschläge für Versichertenkonten ohne solche Daten, und als nächstes verwirkt man die Krankenversicherung ganz, wenn man nicht a), b) oder c) – gehört hier nicht mehr so ganz zum ursprünglichen Thema, aber vor 10, naja vllt. vor 15 Jahren wär sowas noch unvorstellbar gewesen, heute ist es das erschreckenderweise nicht mehr.

salbader, salbader.
kurz zusammengefasst: solange die „heilige Lehre“ sich ausschließlich darum dreht, Kosten zu sparen, Ausgaben zu vermeiden und zum nächsten Quartalsergebnis den maximalen ROI für kurzfristige Anleger auszuweisen, wird man Betriebe und Länder auf diese Weise zugrunde richten.