Archiv der Kategorie 'Fehler im System'

Stigma Sozialhilfe – ?

Ganz aktuell aus der Beobachtung raus aufgeschrieben:

10vor10, Nachrichtenmagazin des Schweizer Fernsehens, berichtet über Sozialhilfe in der Schweiz.
Exemplarisch wird die Situation geschildert an einer allerziehenden Mutter Celine B., die nach Scheidung mit dem 7-jährigen Sohn seit vier Jahren von Sozialhilfe lebt.
- Vom Hörensagen ‚weiß‘ man ja, Leben in der Schweiz ist teuer. die tatsächliche Kaufkraft in Relation zu Deutschland hab ich nicht erforscht, uA ist mir entgangen, wo Celine B. lebt. Die Summen stehen hier jetzt einfach so, wie sie im Bericht erwähnt wurden. Eine vage Einschätzung wurde im Bericht gegeben. -
Nach allen Abzügen von Miete, Versicherungen etc. blieben ihr und ihrem Sohn im Monat 1.500 Franken. Das sei viel für die Gemeinschaft, die das bezahlen muss, aber wenig für die, die damit auskommen müssen. Celine B. wird gefragt, wie viel sie für Nahrungsmittel im Monat ausgibt, so um die 300 Franken, und ungläubig wird nachgefragt: „Im Monat!?!“ – überlegt, schließlich schüchtern „Hmmja, doch.“
Zu Wort kommt auch ein Mitarbeiter der Caritas, die einen Laden mit billigeren Produkten betreibt.
Der Mitarbeiter des Ladens erzählt, die Betroffenen gingen oft nicht zum Arzt, weil sie sich die Zuzahlung nicht leisten können, ernähren sich notgedrungen „nicht so gut“ weil sie die besseren Sachen nicht bezahlen können, kauften keine neuen Schuhe, solang die alten noch halbwegs(!) wasserdicht seien. Man müsse nicht verhungern, aber es reiche auch nicht aus und das habe auch Auswirkungen.
Aufnahme zu Hause bei Celine B. und ihrem Sohn. Die Bilder zeigen eine saubere kleine Wohnung, in der Celine B. mit ihrem Sohn an einem kleinen Küchentisch zu Mittag ist, deutlich zu sehen frisches Grün, Salat. Eine zarte junge Frau, dezent geschminkt, gepflegt, bescheiden, traurig über ihre vergeblichen Mühen, aber ohne Groll oder Resignation. Der Sohn, altersgemäß, isst manierlich am Tisch, ebenfalls sauber, gut angezogen.
Celine B. hat einen Handwerksberuf gelernt und kann ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Sie berichtet, eine Anstellung zu finden sei sehr schwer, weil Angestellte gesucht werden, die ausgebildet sind, die Firmen suchten keine Lehrlinge, sonst hätten sie eine Lehrstelle ausgeschrieben. Auf „Hilfsjobs“ angesprochen erklärt sie, solche Jobs würden überhaupt nicht ausgeschrieben, die würden wohl nur über Beziehungen vergeben.
Mehrfach habe sie bereits eine Umschulung beantragt, die sei aber nicht genehmigt worden – da sie bereits eine abgeschlossene Ausbildung hat.
Eine Förderinitiative für Alleinerziehende bestätigt Celine B.s Schilderung, dass es ohne Ausbildung fast unmöglich ist, einen qualifizierten Arbeitsplatz zu bekommen, zumal, wenn noch Kinderbetreuung geleistet werden muss.
Abschließend noch ein Hoffnungsschimmer, Celine B. hat einen Praktikumsplatz im kaufmännischen Bereich gefunden und kann dort Erfahrungen sammeln. Dies sei noch keine Ausbildung, aber ein Anfang.

Fällt schon was auf?
- die Sozialhilfe ist teuer für die Gemeinschaft – aber wenig für die Betroffenen
- die Ausgaben für die Lebensmittel sind so niedrig, dass die Reporterin es fast nicht glauben kann, die ungläubige Nachfrage ist auch im Bericht noch erhalten
- beim Essen ist trotzdem frisches Grün auf dem Tisch, ‚vernünftige‘ Ernährung
- die Sparmaßnahmen der Armen werden erwähnt und gewürdigt, die Unterfinanzierung zugegeben
- Celine B. hat nachvollziehbare Gründe dafür, dass sie keine Arbeitsstelle findet, und diese werden bestätigt
- das Dilemma Ausbildung – gesundheitliche Gründe – keine neue Ausbildung weil bereits eine vorhanden, wird benannt

Wäre so ein Bericht vorstellbar in Deutschland, über eine geschiedene junge Mutter mit Kind?
Kann man sich vorstellen, dass hier klipp und klar gesagt wird, 409+291€ für Mutter und Kind seien wenig Geld für die Betroffenen? Dass klar gesagt wird, dass es einfach unmöglich sein kann, quer einzusteigen, egal was man anstellt und dass das Arbeitsamt einen dabei nicht konstruktiv unterstützt?
Würde man hier nicht viel mehr erwarten, dass sich garantiert was zu mäkeln findet an der Person, sei es durch die Darstellung: Zu viel oder zu wenig MakeUp, einen wie zufälligen Seitenblick auf noch nicht weggebrachtes Leergut in der Küche, am Besten noch mit 2-3 Flaschen Bier oder Wein, kein Obst oder Salat beim Essen, statt Bildern vom kleinen Küchentisch Bilder vom Wohnzimmer mit Flatscreen? Sei es durch den Kommentar zum Bericht, der da oder dort doch Ausgaben erwähnt, die eventuell nicht unbedingt sein müssten, wenn man doch sparen muss, der vllt. doch anzweifeln würde, ob sie sich genug bemüht? Sei es durch Stimmen aus dem Caritas-Laden, oder der Förderinitiative, die zur Not so zusammengeschnitten werden, dass sie anders klingen? Sei es, dass man, anstatt die Aussage, Hilfsjobs gäbe es nur über Vitamin B von Celine B. direkt zu zeigen, dies als Kommentar einsprechen würde: „Celine B. sagt, Hilfsjobs würden nicht ausgeschrieben“, wobei der Konjunktiv und die indirekte Rede sachlich korrekt sind, aber je nach Gesamtfärbung des Berichts auch Zweifel an der Aussage suggerieren können? Besteht in Deutschland nicht schon generell die Erwartungshaltung, Leistungsempfänger auf ALG2-Niveau sollten generell höchstens beim Discounter oder besser gleich bei Tafeln, Second-Hand-Kaufhäusern und Kleiderkammern einkaufen und Schuhe, die noch halbwegs wasserdicht sind, reichen aber allemal noch aus? Enden solche begleitenden Berichte nicht meistens damit, dass ein begleiteter Leistungsempfänger irgendeine Chance bekommt (Job, Praktikum), um sie dann zum Stichtag nicht anzutreten?

Da ist die Saat aufgegangen, von der „sozialen Hängematte“, das Gerede von „kein Recht auf Faulheit“ und „Dekadenz“.
Da sind Maßstäbe verkehrt worden.
Das Lohnabstandsgebot ist pervertiert dahin, dass die Niedriglöhne Abstand zur Sozialleistung definieren, die noch weit drunter liegen muss, anstatt vom Existenzminimum einen Abstand zum Mindestlohn zu definieren.
uvm., ich hab nicht mal mehr Lust, das alles aufzuschreiben, mit dem dafür gesorgt wird, dass die Armen den Ärmsten die Butter auf dem Brot nicht gönnen und die Reste solidarischen Denkens von Furcht vor dem Abstieg aufs Minimum verdrängt wurden.

In der Schweiz ist nicht alles golden und die Gesellschaft dort viel wärmer, das bild ich mir nicht ein. Der Bericht aber war so bemerkenswert anders, so ohne Schuldzuschreibung zur Arbeitslosen, ohne Verdacht auf Dekadenz und Verschwendung, dass ich das jetzt festhalten musste.

G20 meets Wahlkampf?

Montag, 21.8., sechs Wochen nach G20.
Sechs Wochen nachdem ein schließlich genehmigtes Protestcamp von der Polizei verhindert und geräumt wurde; bei dem Popup-Wurfzelte Anlass für Wasserwerfer waren. Sechs Wochen nachdem die „embedded journalists“ selbst konservativer Medien und sogar ausgerechnet der BILD live von der „Welcome to hell“-Demo twitterten und auch im Nachhinein dabei blieben: Was die Polizei bei der Verhinderung der Demonstration abgeliefert hat, spottet jeder Beschreibung. Sechs Wochen, in denen zunächst noch viel Panik verbreitet wurde, linksradikale Gewalt als DIE Gefahr schlechthin aufgebaut wurde. In denen sich aber auch nach und nach herausstellte: Was in der Hitze der Nacht und des Gefechts zum Betonplatten bewehrten Hinterhalt erklärt wurde und Truppen mit Sturmgewehren den Weg bahnte, waren nur Schaulustige, die möglicherweise Böller warfen, vielleicht aber auch gar nichts.
Jedenfalls, sechs Wochen, in denen von Anfang an viel Kritik an der repressiven Linie gegen die Gipfelgegner auch aus unverdächtigen Ecken zu hören und lesen war und in denen sich manch Schreckensszenario allermindestens als Fehleinschätzung herausstellte.

Und jetzt kommt 3sat in der Themenwoche Demokratie-Dämmerung mit einer Reportage von ZDFZoom daher und teast unter der Überschrift “ Autonom, radikal, militant? Inside linke Szene“:

Die Bilanz ist verheerend: Während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wurden mehr als 200 Polizisten verletzt. „ZDFzoom“ beobachtete die linke Szene vor und während der Gipfelproteste.

Da muss ich jetzt diesen Punkt der verletzten Polizisten vorziehen und kurz wiederholen, dass verletzt nicht dienstunfähig bedeutet und schon gar nicht krankenhauspflichtig. Verletzte Polizisten sind auch: Hitzschläge, Dehydrierung, verstauchter Fuß, Seitenstechen und immer besonders beliebt: Friendly Gas. Man pisst eben nicht gegen den Wind, wenn man ein wenig Ahnung hat. Zurück zu den Verletzten: Dienstunfähige Polizisten gab es afair weniger als 10.

Was ich nicht will, ist G20 re-diskutieren. Anlass des Posts ist der sagenhaft miese Beitrag von ZDFZoom.

Welcome to hell-Demo. „Der schwarze Block formiert sich“, ein „harter Kern“ nimmt die Vermummung nicht ab „– es kommt zur Straßenschlacht“. Das kann man natürlich schon so formulieren. Dann muss man sich aber auch die Kritik gefallen lassen, mit dem Bindestrich ein paar Fakten verdeckt zu haben: Die Demo war teilweise vermummt, aber stockfriedlich, bewegungslos und von drei Seiten eingekesselt durch einen gemauerten Flaschenhals an beiden Seiten und eine Polizeihundertschaft von vorne. Als es zur Straßenschlacht kommt, lautet der Kommentar „Flaschen und Steine gegen Tränengas und Wasserwerfer“, und im Bild fährt eben dieser Wasserwerfer scharf spritzend in die eben noch stillstehende Demo, die keine Ausweichmöglichkeiten hat, frontal hinein, spritzt die Leute von den seitlichen Mauern, auf die sie teils in Panik geklettert sind. Das erfährt aber in der „Reportage“ keine Erwähnung.

„Wir tauchen ein in die Szene“, die klandestine, abgeschottete, schwer aufzufindende. Die rein im Untergrund agierende und daher bis heute kaum bekannte Politpunkband „Slime“ wird interviewt, man traf sich in Osnabrück (vermutlich Backstage, so sah es jedenfalls den Bildern nach aus). „Bullenschweine“, seit Jahrzehnten auf dem Index – wo es heutzutage wahrscheinlich gar nicht mehr landen würde. Im Interview habe sich Dicken als Opfer von Polizeigewalt dargestellt, doch auf der Bühne „unverhohlene Aggression, pauschale Beleidigung“ mittels „All Cops are Bastards“, das als T-Shirt hochgerichtlich festgestellt nicht strafbar ist. Ach ja: Bei G20 seien sie auch aufgetreten. Diese bösen Gewalttäter von Slime und ihre „Szene“.

Dann wieder zurück zu G20 und den verletzten Polizisten. Die Feinheiten beamteter Verletzungen werden selbstredend nicht erklärt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es auf Seiten der Gipfelgegner, und selbst vollkommen unbeteiligter Anwohner, Partygänger, Passanten, ebenfalls eine erkleckliche Zahl Verletzter gab, ohne dass die jeweils unmittelbar in Akte verwickelt gewesen wären, dass eine solch brachiale Gegenwehr seitens der Polizei nötig gewesen wäre. Mehrfache Berichte aus verschiedenen Perspektiven – die dadurch den Verdacht, eine Falschmeldung sei wieder und wieder verbreitet worden, nicht allzu nahe legen – berichteten beispielsweise von einer Gruppe Personen, die auf ein Geländer zu und durch weiteres Anstürmen der Polizei darüber hinweg bzw. durch dieses hindurch gedrängt wurde, hinter dem Geländer aber ein Höhenunterschied von mehreren Metern auf eine harte/betonierte Fläche bestand. Mehrere Personen aus der Gruppe stürzten die Mauer hinunter und verletzten sich dabei schwer, es wurde mehrfach von offenen Knochenbrüchen berichtet und im Nachgang dazu noch als Krönung verzögerte Hilfsmaßnahmen und weitere Gewaltanwendung durch die Polizei. Klingt jetzt irgendwie komisch und geschraubt, ich bemühe mich aber um eine neutral gehaltene Schilderung meiner Erinnerung an die diversen Berichte.

Als Zentrum der linken Umtriebe wird Berlin ausgemacht und ausgiebig Stellungnahmen eingeholt von der dortigen, eigentlich doch noch recht frischen RRG-Regierung. Fein säuberlich die Parallelen hervorhebend, die die Politiker bei ihren Aussagen mit den kriminellen, schier terroristischen Gewalttätern der linken Szene verbinden.

Der Beitrag schließt mit dem menetekelnden Fazit:
„Die Sicherheitsbehörden haben gewarnt. Es war die Politik, die das wohl unterschätzt hat. Jetzt muss sie Antworten finden auf drängende Fragen zum Thema Extremismus von Links.“

Die journalistischen Schwächen, gepaart mit der Rethorik „wir tauchen ein in die Szene“ – und fanden dabei seltsamerweise immer offene Leute vor, die freigiebig Auskunft gaben, unvermummt, ohne Stimmverfälschung und Schattenleinwand –, die kaum verhohlene Gleichsetzung von Politikern, die sich zu Antifaschismus und Antirassismus bekennen mit der halb im Untergrund agierenden „linken Szene“ und dem mahnenden Schlußwort, das auch noch mal fürsorglich die aufpeitschenden, Terror konstruierenden ‚Sicherheitsbehörden‘ in Schutz nimmt, hinterlässt der Beitrag bei mir nur einen Eindruck: Recht gezielt zum Wahlkampf gelauncht und im Auftrag des ZDF produziert eventuell bis vermutlich wohltätig gesponsort aus der Richtung INSM und Interessenverwandte.
- Wenn ein Fernsehbeitrag einer ansonsten relativ guten Reportagereihe einen so eklatant miserablen Ausreißer hinlegt, muss man sich doch fragen: Cui bono.

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Zum Erinnern an G20 ein paar (Tausend) Links aus meiner subjektiven, tendenziösen, persönlichen Sammlung

… ich könnte noch stundenlang weiter Links hier einkopieren. Die Twitter-Links sind übrigens keine „ich werd grade verprügelt“-Einzelmeldungen, sondern Screenshots von oder Links zu ‚offiziellen‘ Meldungen

Sei großzügig – spende den Tafeln! Pfui!

Tafeln stoßen mir schon lange auf. Weil ich heute im Affekt andernorts einen Kommentar geschrieben hab, paste ich den jetzt hier auch her, Zeit wird’s.

Vom Sozialstaat zum Gnadenstaat? „Ihr ALG2 reicht nicht, gehen sie zur Tafel!“ ist schon gängige Ansage bei den JCs, die Tafeln selbst sind ausgelastet, haben lange Wartelisten. teilweise „beschäftigen“ sie dann noch selbst Transferempfänger auf AGH-/1€-Job-Basis, die können dann gleich am Einsatzort ihren Lebensunterhalt damit decken, was ihnen die Gesellschaft gnadenhalber zur Resteverwertung zukommen lässt.

Die Abartigkeit, dass eine Gesellschaft mit derartiger Produktivität gleichzeitig wieder auf Almosen, Armenspeisungen und Suppenküchen angewiesen ist, wird nur dadurch nicht offensichtlich, dass lange genug kolportiert wurde, die Klientel sei ja schließlich ohnehin nur alkoholabhängig, asozial, Minderleister und generell selbst schuld an ihrem wirtschaftlichen Zustand.

passend dazu sagt man auch nicht mehr „arm“, sondern „sozial benachteiligt“, obwohl letzteres in seinen wirklichen Auswirkungen (Mobbing, Statusverlust, Vereinsamung, eingeschränkte Mobilität, …) real nur die Folge von ersterem, also Unterfinanzierung ist und unterschwellig ebenfalls die Schuld auf den Betroffenen ablädt, schließlich haben die ja irgendwelche sozialen Defizite, die zu ihrer Situation erst geführt haben.großartige Vokabel so gesehen, tauscht Ursache und Wirkung um und verschiebt gleichzeitig noch die Verantwortlichkeit zu den Opfern. rhetorisch großartige Leistung.

Und ein Veränderungsbedarf besteht nicht, der Laden läuft ja…

Auf den VWL-Topf passt kein BWL-Deckel

pflegeberufe sind unterbezahlt

das Bild scrollte heute im blauen (Gesicht-)Buch an mir vorbei. soweit so gut, nichts einzuwenden.
dass sich in den Kommentaren natürlich auch das unvermeidliche Rudel Verrückter findet, die nur die Migrationsbewegungen der letzten drei Jahre dafür verantwortlich machen – geschenkt. so blöd muss man erstmal sein, zu meinen, Pflegenotstand und Unterbezahlung sozialer Berufe seien ein neues Phänomen, dafür gibt’s sogar einen Extrapunkt fürs Schreiben-Können.

aber die wirkliche Ursachenforschung, die wäre halt mal interessant, und mit der befassen sich auch die nicht, die etwas weiter als von zwölf bis mittags denken können.

besser bezahlte Pflegeberufe, und Pflegeschlüssel, die eine wirkliche Pflege und nicht nur Notversorgung ermöglichen, das ergäbe sich von selbst, wenn Grundversorgungsbereiche nicht gezwungen würden, „wirtschaftlich“ zu arbeiten. Pflege, aber auch ÖPNV, Wasser, Strom, Straßen, Infrastruktur gehört schlichtweg nicht privatisiert und BWL-“Logik“ unterworfen. dann klappt’s auch mit Gehältern – und mit der Qualität auf einmal auch*, ja sowas.
*bzw. auch wieder, wie Gemeinden festgestellt haben, die ihre privatisierten Betriebe zurückgekauft hatten. und es kommt auf einmal sogar billiger, den Betrieb zu betreiben, als die Leistung einem Privatbetreiber abzukaufen.

nur leider läuft das dem heiligen Credo der Privatisierung, Outsourcing, „PPP“ public-private-partnership etc. zuwider, und erfordert halt auch mehr Überlegung und Überblick, als stures Anwenden von Prinzipien, die für einen Privathaushalt evtl. Sinn ergeben oder für einen kleinen Betrieb – aber schon große Firmen, von Konzernen ganz zu schweigen, haben erkannt, dass vermeintlich unnötige Ausgaben auf wundersame Weise mehr Nutzen bringen.

ich denk mir mal was aus, zB einen Betriebskindergarten. Nahe am Betrieb, den Bedürfnissen dort Angestellter Eltern angepasst, zB was Öffnungszeiten angeht. Sowas bringt auf den ersten Blick gar nichts, nur Kosten für Räume und Personal.
allerdings sind die Mitarbeiter entspannt, wenn sie ihre Kinder gut versorgt wissen, noch dazu in ihrer Nähe, und die Öffnungszeiten den eigenen Arbeitszeiten angepasst sind. entspannte Mitarbeiter können sich auf ihre Arbeit konzentrieren und bringen bessere Leistung. entspannte und konzentierte Mitarbeiter, die dadurch in der Lage sind, hohe Leistung zu erbringen, erfahren dadurch auch Bestätigung – also richtig verstehen hier, nicht erst dadurch, dass der Vorgesetzte die Leistung würdigt, sondern allein dadurch, dass die Leistung erbracht werden kann, steigt die Zufriedenheit mit der Arbeit und dem Arbeitsplatz. das hebt natürlich wiederum die Motivation und das Engagement, der Einsatz und damit die Leistung und das Ergebnis steigen noch mehr an.
dass das hier ein Idealbild ist, ist mir auch klar. es gibt natürlich noch zig Faktoren mehr, die auf Arbeitsplatzzufriedenheit, Motivation, Leistung usw. Einfluss nehmen. andersherum hat eine solche betriebliche Einrichtung u.U. auch noch andere positive Faktoren für den Betrieb –
aber selbst, wenn das Beispiel in der Realität gar nicht aufgehen sollte (was ich nicht glaube), der springende Punkt ist: auf den ersten Blick sieht das nach einer Investition aus, die nur kostet und keinen ROI bringt, wie es so schön heißt, also Return on Investment, sich halt nicht auszahlt. rein karitative mildtätige Aktion des Arbeitgebers. weil man halt kein Unmensch ist.
Moment – wozu würde man das den demonstrieren wollen? achso, zur Imagepflege. wozu denn ein Image, vom Image kann ich mir doch nix kaufen. irrelevant. – oder auch nicht, wenn das Image meiner Firma so schlecht ist, dass es Kampagnen dagegen gibt, oder gar Boykotte, oder sich die Aktienanleger von mir zurückziehen. also hat selbst das rein ideel vorhandene Image doch auch einen monetären Wert, hoppla. noch dazu einen, auf den man nicht mal Steuern zahlen muss.
also rentiert sich selbst Imagepflege. und dass unzufriedene Angestellte und Arbeiter, die längst innerlich gekündigt haben und nur noch Dienst nach Vorschrift runterleiern, nicht die beste Basis für gute Arbeitsqualität sind, sollte sich sogar in die hintersten Winkel rumgesprochen haben.

so. jetzt mal zurück zur öffentlichen Infrastruktur, zu hoheitlichen Aufgaben der Grundversorgung, Wasser, Strom, Personen- und Güterverkehr und Gesundheitswesen. selbst wenn man jetzt über den Staat denkt wie über einen Betrieb. inwiefern zahlt sich aus, wenn ich qualitativ hochwertige Arbeitsbedingungen schaffe?
einmal durch geringere Störanfälligkeit. gut gewartete Maschinen produzieren zuverlässiger und man riskiert keine unkalkulierbaren Ausfallzeiten durch große Reparaturen. analog dazu gewährleistet eine zuverlässige Infrastruktur, Wasser, Strom, Straßen, öffentliche Verkehrsmittel, dass Bürger wie Unternehmen sich ihrem Beruf bzw. Geschäft widmen können und nicht erst dafür sorgen müssen, dass sie überleben bzw. produzieren können.
zweitens durch hohe Motivation der Arbeiter/Angestellten. gute Arbeitsbedingungen fördern die Zufriedenheit und die die Motivation, dadurch steigen Produktivität und Qualität. hat man das Gefühl, als Individuum wichtig zu sein, fühlt man sich damit besser, als wenn man sich nur als ein austauschbares mechanisches Bauteil fühlt. hat man das Gefühl, es werde sich um seiner selbst willen um einen gekümmert, ist das aufbauender, als wenn man nur gesund sein soll, damit man kein totes Kapital darstellt geschweigedenn Kosten verursacht.

Arbeitskräfte im kleinen (Betrieb) genauso wie Menschen, Bürger im großen (Staat) wollen als ganzes wertvoll und wichtig sein, und nicht nur aufgrund ihrer Produktivität und Kosteneffizienz. Arbeitskräfte kündigen innerlich, machen Dienst nach Vorschrift und klauen Arbeitsmaterial, Menschen wenden sich vom Land/Staat als sozialem Gebilde ab, schauen ihrerseits nur noch nach ihrem eigenen Vorteil, arbeiten schwarz und hinterziehen Steuern.
Aktuell ist zeigt sich ein Ergebnis dieser Entwicklung weg von Solidaritätsprinzip und gemeinschaftlicher Vorsorge hin zu egoistischem Vorteilsdenken daran, dass Versicherungen zunehmend nur noch als Geldanlage betrachtet werden. Es wird offen damit Reklame gemacht, es sei doch nicht fair, dass man Jahr für Jahr Versicherungsbeiträge bezahlt und dann ja „gar nichts“ davon hat. Da gibt es mehr und mehr Bonuszahlungen für nicht in Anspruch genommene Leistungen – bei der Hausratversicherung ist das noch relativ unschädlich, bei der Krankenversicherung kann solch eine Entwicklung fatale Folgen haben, ich hab erst letztens in einem Absatz über die Entsolidarisierung geschrieben – zur Zeit ist Gesundheit eh schon das Goldene Kalb, um das sich einfach alles dreht, jede Woche wird einem neuen Hype hinterhergehechelt und ich mag mir gar nicht vorstellen, was das für Blüten treibt, erst kommen Boni für die freiwillige Preisgabe der Fitnessarmband-Daten, als nächste Aufschläge für Versichertenkonten ohne solche Daten, und als nächstes verwirkt man die Krankenversicherung ganz, wenn man nicht a), b) oder c) – gehört hier nicht mehr so ganz zum ursprünglichen Thema, aber vor 10, naja vllt. vor 15 Jahren wär sowas noch unvorstellbar gewesen, heute ist es das erschreckenderweise nicht mehr.

salbader, salbader.
kurz zusammengefasst: solange die „heilige Lehre“ sich ausschließlich darum dreht, Kosten zu sparen, Ausgaben zu vermeiden und zum nächsten Quartalsergebnis den maximalen ROI für kurzfristige Anleger auszuweisen, wird man Betriebe und Länder auf diese Weise zugrunde richten.

Das niederste, letzte, tiefste… / tiiieeef durchatmen… AAAAHHH! #8

Kommentar-Screenshot

das niederste, letzte, tiefste, die unterste Stellung in der Gesellschaft, die ein Mensch in Deutschland erreichen kann, ist Flüchtling, Moslem, Ausländer zu sein – oder Leistungsempfänger.

obiger Screenshot ist, klar, aus Facebook, von einer Seite im Stile Goldener Aluhut. eine etwas verwirrte Person schlug vor, dass sich die Menschen mit dem Durchblick doch zusammentun und auswandern sollten. das zog u.a. die abgebildeten Kommentare nach sich.

ob es Individuen gibt, die an Chemtrails glauben, an Orgon-Strahlung, Erdstrahlung, levitiertes Wasser, Autismus durch Impfungen oder die hohle Erde, bitte, geschenkt. sollen sich in ihrer Filterbubble einrichten und sich wohlfühlen, je wohler sie sich da fühlen, desto weniger kriegt man „iRL“ von ihnen mit.

erschreckend finde ich die Kommentatoren, die solche Verwirrungen nur einer Klientel zutrauen: nicht-Erwerbstätige Leistungsbezieher, ALG2-Empfänger, also logischerweise nichts als Schmarotzer (wer kam eigentlich auf die Tautologie ‚Sozialschmarotzer‘, wo sollte man denn sonst schmarotzen, als am Sozialwesen… zutiefst hirnrissiger Begriff, wenn man es sich mal klarmacht). denn ganz klar: solche Idiotie kann nur jemandem einfallen, der völlig unterbelichtet ist und deswegen auf Sozialleistungen angewiesen – gleichzeitig aber anscheinend durchtrieben und verschlagen genug, um sich die Leistungen zu erschleichen, zu schmarotzen, denn rechtmäßiger Bezug von Leistungen wäre ja kein Schmarotzertum (vorausgesetzt, es gibt rechtmäßigen Leistungsbezug überhaupt. ich bin mal so humanistisch, und setze das als gegeben voraus).

es ist wirklich bestürzend. wenn heutzutage jemand als komplett unfähig, unglaubwürdig, inkompetent, beschränkt, minderbemittelt oder sonstwie diffamiert werden soll, reicht dazu ein einziger Sachverhalt bzw. dessen Unterstellung: ist nicht erwerbstätig und bezieht Sozialleistungen.

die Propaganda-Maschinerie im Dienst der Entsolidarisierung hat ganze Arbeit geleistet.
angesichts desen, dass heute schon das Fehlen von Erwerbsarbeit ausreicht, Mensch nicht mal zweiter, sondern bestenfalls dritter Klasse zu sein – was auf dem Boden der Entsolidarisierung alles zu wachsen imstande ist oder noch sein wird, macht mir Angst.