Archiv der Kategorie 'Geht mir aus den Augen'

Sei großzügig – spende den Tafeln! Pfui!

Tafeln stoßen mir schon lange auf. Weil ich heute im Affekt andernorts einen Kommentar geschrieben hab, paste ich den jetzt hier auch her, Zeit wird’s.

Vom Sozialstaat zum Gnadenstaat? „Ihr ALG2 reicht nicht, gehen sie zur Tafel!“ ist schon gängige Ansage bei den JCs, die Tafeln selbst sind ausgelastet, haben lange Wartelisten. teilweise „beschäftigen“ sie dann noch selbst Transferempfänger auf AGH-/1€-Job-Basis, die können dann gleich am Einsatzort ihren Lebensunterhalt damit decken, was ihnen die Gesellschaft gnadenhalber zur Resteverwertung zukommen lässt.

Die Abartigkeit, dass eine Gesellschaft mit derartiger Produktivität gleichzeitig wieder auf Almosen, Armenspeisungen und Suppenküchen angewiesen ist, wird nur dadurch nicht offensichtlich, dass lange genug kolportiert wurde, die Klientel sei ja schließlich ohnehin nur alkoholabhängig, asozial, Minderleister und generell selbst schuld an ihrem wirtschaftlichen Zustand.

passend dazu sagt man auch nicht mehr „arm“, sondern „sozial benachteiligt“, obwohl letzteres in seinen wirklichen Auswirkungen (Mobbing, Statusverlust, Vereinsamung, eingeschränkte Mobilität, …) real nur die Folge von ersterem, also Unterfinanzierung ist und unterschwellig ebenfalls die Schuld auf den Betroffenen ablädt, schließlich haben die ja irgendwelche sozialen Defizite, die zu ihrer Situation erst geführt haben.großartige Vokabel so gesehen, tauscht Ursache und Wirkung um und verschiebt gleichzeitig noch die Verantwortlichkeit zu den Opfern. rhetorisch großartige Leistung.

Und ein Veränderungsbedarf besteht nicht, der Laden läuft ja…

Wem gehört eigentlich die SZ? INSM? / tiiieeef durchatmen… AAAAHHH! #10

WTF SZ? echt jetzt?
oder gehört Bullshit dieser Größenordnung in die Kategorie „muss man ja noch sagen dürfen“? Vllt. wären IQ-Tests bei Kommentatoren oder auch Redakteuren auch angebracht – werd ich ja noch sagen dürfen.

1. Intelligenz ist das, was ein IQ-Test misst. sonst nichts. besser ist dieses Konstrukt bis heute nicht greifbar

2. wer über die Vererbbarkeit von Intelligenz redet, sollte sich vllt. erstmal über die Vererbbarkeit von Intelligenz informieren, sonst kommen sehr, sehr peinliche Kommentare raus.

der Rest erübrigt sich schon fast, aber wenn ich schon dabei bin:

3. „wenn das Gymnasium auf die Universität und wissenschaftliches Arbeiten vorbereiten soll, auf intellektuelle Hochleistungen“ – äh, Bologna verpasst? auf der Uni wird nicht wissenschaftlich gearbeitet, da wird gepowerpointed bis zum Bachelor und dann knapp unter dem Master-NC rausgeschmissen, schließlich braucht es junge, billige Arbeitskräfte.
20% Abiturienten, die da jemand vorgeschlagen haben soll (*), und dann wieder laut aufheulen von wegen Fachkräftemangel, was? (auch wenn es den realiter nicht gibt, aber es passt hier mal zur Polemik)
(*) ich möchte gern zuerst die Originalarbeit sehen, bevor ich mich anschließe, dass das tatsächlich die Forderung ist

4. „ein seriös gemachter IQ-Test“ – ja, was haben wir denn bisher?
ach so ja, mit dem Thema wurde sich ja vorher nicht befasst, sieht man ja schon an Kritikpunkten 1 und 2 – hätte sich der Kommentator minimal mit dem kommentierten Thema befasst, wäre der Kommentar so gar nicht zustande gekommen.

5. „Migrantenkind“ – srsly? zur Rettung vor dem wütenden Mob mal mitleidig einfließen lassen, dass die (mutmaßliche) Herkunft mehr Einfluss auf die Benotung hat als die schulische Leistung, wie menschenfreundlich.
wieso aber nicht formulieren: „zentrale, anonyme Intelligenztests können unvoreingenommen das Potenzial erkennen“?

ein wenig mit der Welt versöhnt hat mich jetzt, dass die kommentierenden Leser der SZ den Vorschlag auch, vorsichtig formuliert, skeptisch sehen. Himmeldonnerwetter.

nur eines würde mich immer noch interessieren: Warum, zur Hölle, gibt die SZ für so einen Aberwitz Papier/Webspace her?
neoliberales Sondierungsprogramm, wie weit der Sozialdarwinismus sich mittlerweile verbreitet hat, und wo noch Nachschulungsbedarf für die Gutmenschen besteht?
oder einfach 1,5 Spalten frei und keine Werbung mehr zur Hand?
hätte es dann nicht eine Benefizanzeige auch getan, oder ein Extra-Sudoku oder die letzten 10 Lieblingstweets des Praktikanten? musste es wirklich solch ein Wursttext sein?

Handschuhe! Bloß nicht mit bloßen Händen!

logisch. bestimmte Berufe sollten bei der Ausübung ihrer Tätigkeit bitte schon Handschuhe tragen. Ärzte, Sanitäter, Tätowierer, der Pflegesektor, generell Leute, die direkt mit menschlichen Körperflüssigkeiten in Berührung kommen.

bei Verkaufspersonal an der Brot-/Wurst-/Käsetheke oder auch am Stand, da find ich’s schon nicht mehr so eindeutig. da wird in den Handschuh geschlupft, das (zB) Brot eingetütet und mit dem Lebensmittelhandschuh noch das extrem dreckige Geld angefasst – das dreckiger ist als die meisten Klobrillen. danach dann mit eben dem gleichen Handschuh wieder ans Lebensmittel – da graust’s mir wesentlich mehr als beim Hautkontakt. Überhaupt find ich da das Gehandschuhe höchstens noch am Wochenmarkt leidlich angebracht, wo man nicht dauernd fließend Wasser zum Händewaschen zur Verfügung hat. Aber bittschön, Geld ist echt dreckiger als Klofinger…

was ich aber wirklich total überdreht finde, sind die schicken bzw hippen Köche, die vor lauter Coolness die schwarzen Handschuhe der Tätowierer tragen. find ich persönlich einfach völlig überzogen und gleichzeitig total typisch für die Zeit. Hygienewahn galore, bloß nichts, aber auch gar nichts, mit bloßen Händen anfassen.
gleichzeitig geht dabei aber der Bezug zum „Werkstoff“ verloren, so ein Gummihandschuh trennt einfach. hat sich eins geschnitten, klar, oder eine Allergie, keine Frage, soll bitte den Handschuh tragen, vor irgendwas schlimmer wird oder sonst noch was.

aber ich find, wer kocht, soll das Essen auch anfassen, auch sinnlich erleben bei der Arbeit damit, sonst fehlt dem „Werkstoff“ die Behandlung auch – an manchen Stellen kommt die Erkenntnis langsam durch, dass diese Sterilität die guten Ergebnisse von früher verhindert, insbesondere im Brauhandwerk, das zwar auch mit dem Craft-Wahn nicht nur Gutes erfährt. aber dort hat man wenigstens schon ansatzweise kapiert, dass früher nun mal einfach alles mit der Haut in Berührung kam, und die nicht-sterile Haut da auch nicht geringen Einfluss aufs Ergebnis hat, grade im Bezug auf Hefepilze leuchtet das ja auch ziemlich leicht ein, oder? jetzt saugen sie verzweifelt in alten Gärkellern Luft ein, in der Hoffnung, noch ein, zwei Sporen der alten Hefe einzufangen und vllt. nachzüchten zu können – packt die übertriebene Hygiene weg, lasst die Sachen wieder Kontakt haben mit denen, die sie herstellen, dann findet sich das von allein. Brauer und Hefe werden zu einer einmaligen Mischung, sorgen für den ganz individuellen Effekt.

zum sinnlichen Erleben nochmal, da wird das beschworen, sich Zeit zu nehmen, das Einfache auch wieder schmecken und genießen zu lernen, ein einfaches Brot mit Butter und vllt. ein paar Körnern Salz drauf, das muss man den Leuten förmlich wieder beibringen, welche Geschmackswelten sich darin verbergen, vorausgesetzt man hat nicht den allerletzten Rotz aus der Nahrungsmittel-Billigindustrie. auf den Karten der hippsten Restaurants steht nicht mehr „Schweinelendchen mit dem Gratin von blauten und roten Kartoffeln an einer Gemüsejus“ (wieso eigentlich bestimmte Artikel? verstehen solche Schreiber ihr Gratin als den Inbegriff aller Gratins? DAS Gratin?), sondern „Schwein – Kartoffel“. Gekocht wird nicht minder raffiniert, auch gewürzt, aber das Augenmerk schon mal aufs Wesentliche gelenkt. die Esser sollen auch mal ab und an ihr Essen: Anfassen. auch mit diesem Sinn erleben. aber dem Essen will man nicht gönnen, dass es auch sinnlich behandelt wird und mit den Herstellern in Kontakt tritt – ich glaube und behaupte: Essen, das keinen Hautkontakt hat, sondern nur mit Handschuhen angefasst wird, entbehrt einer wichtigen – nein, nicht Erfahrung *lol* – Zutat, Behandlung, die wichtiges bewirken kann am Endergebnis. evtl. auch, weil dasjenige, das kocht, auch sinnlicheres Erleben hat beim Kochen, wenn es die Bestandteile wirklich anfassen kann und nicht nur packen, sondern auch fühlen.

Zuschauer von Kochsendungen, die allen Ernstes Leser- bzw. Seherbriefe schreiben an die Sender, wenn der Koch sich erdreistet, mit einem ableckten Löffel nochmal in den (oft genug noch wallend kochenden!) Topf zu fassen, passen ja in die selbe Schublade. „Iiiiih, mein Essen hatte Kontakt mit dem Koch!“ – mich ekelt massiv vor Menschen, ich weiß nicht, ob man das allgemein so aus dem Blog rauslesen kann, aber grds ist das so: überfüllter ÖPNV, Teppichboden in Hotels, gebrauchte Plüschtiere usw verlangen mir extrem viel Selbstkontrolle ab, um nicht alles zu desinfizieren oder kurzerhand zu brechen, aber dass Essen einfach grundsätzlich in seiner Herstellung in Kontakt mit Menschen kommt, das ist der Sache immanent und kein Grund, nicht mal für mich, vor lauter Furcht vor menschlichem Abrieb und dem kleinsten Keim sozusagen in Reinräumen kochen zu lassen.

Aber nein, wir rücken in den Städten immer näher zusammen und ekeln uns gleichzeitig immer mehr voreinander, dabei vermutlich noch am meisten vor uns selbst. es darf nichts mehr mit dem Menschen in Berührung kommen, der es herstellt, damit der auch schön ersetzbar bleibt und nicht der individuelle, und sei es auch „nur“ der mikrobiologische, mikrobielle, Einfluss den einfachen Handwerker auf die Fallhöhe von Künstlern erhebt. alles wird stilisiert und sterilisiert bis zur völligen Beliebigkeit und maschinellen Reproduzierbarkeit, der individuelle menschliche handwerkliche Faktor wird bei aller vorgeschobenen Nostalgie doch negiert und rausgekürzt bis er nicht mehr vorhanden ist, und der Konsument auf der Suche nach den guten alten Dingen (wie) von früher steht davor und kommt einfach nicht drauf, was da fehlt, damit es so würde, wie er es sich erhofft hat, denn er hat doch (Ur-)Omas Kochbuch genauestens befolgt. mit Gummihandschuhen. finde den Fehler.

Anständige Leute / tiiieeef durchatmen… AAAAHHH! #9

Gelegentlich, anlassbezogen, schlägt das „gesunde Volksempfinden“ durch. In der Regel passiert das dann, wenn es ein in der Tat besonders verstörendes Verbrechen gegeben hat, mit einem besonders wehrlosen, arglosen, unschuldigen Opfer. Gewaltverbrechen gegen Kinder sind sehr dazu geeignet, gibt aber auch andere Beispiele (Angriffe auf Weidetiere fallen mir da spontan ein).

Wozu geeignet?
Die hauchdünne Schicht Zivilisationstünche abzukratzen und rauszukehren, was sich in den Köpfen so genannter „anständiger Leute“ im sonstigen Alltag nur mühsam, in solchen Fällen dann gar nicht mehr verbirgt:
Rache, Blutdurst, Lynchmoral, und Brutalität, die sich nur dadurch von der der Täter unterscheidet, dass sich sich das Deckmäntelchen der vermeintlich höherstehenden Moral umlegen kann.
363 Tage im Jahr können sie über Länder lästern bzw. mit heiligem Zorn schimpfen, in denen Sharia gilt, aber diese zwei Tage dann ganz selbstverständlich öffentliches Anprangern, Züchtigen/Auspeitschen, generell Körper- bzw. Leibstrafen, Gleiches-mit-Gleichem mindestens in diesen, also solchen „bestimmten Fällen“ tootaaaal angebracht finden.
Die Amerikaner mit ihrer Todesstrafe sind bei den gemäßigteren noch „eigentlich nicht so wirklich zivilisiert, aber…“, bei den Hardlinern – womöglich auch nur den ehrlicheren – müsste sowas auch hierzulande dringend wieder her. Natürlich nicht, um die eigene Blutgier und Mordlust zu befriedigen, sondern als Abschreckung (sieht man ja am Beispiel USA, wie klasse das funktioniert mit der Abschreckung) und „um die Gesellschaft vor solchen Perversen zu schützen“.

Ich frage mich nur immer, wer schützt mich vor solchen aufrechten Mitbürgern?
Und wie lange noch?

Hier, das Beispielbild zeigt es schon, der Beitrag hier lag einige Zeit halbfertig auf Halde, verlor aber dadurch nichts an seiner Relevanz.

Das niederste, letzte, tiefste… / tiiieeef durchatmen… AAAAHHH! #8

Kommentar-Screenshot

das niederste, letzte, tiefste, die unterste Stellung in der Gesellschaft, die ein Mensch in Deutschland erreichen kann, ist Flüchtling, Moslem, Ausländer zu sein – oder Leistungsempfänger.

obiger Screenshot ist, klar, aus Facebook, von einer Seite im Stile Goldener Aluhut. eine etwas verwirrte Person schlug vor, dass sich die Menschen mit dem Durchblick doch zusammentun und auswandern sollten. das zog u.a. die abgebildeten Kommentare nach sich.

ob es Individuen gibt, die an Chemtrails glauben, an Orgon-Strahlung, Erdstrahlung, levitiertes Wasser, Autismus durch Impfungen oder die hohle Erde, bitte, geschenkt. sollen sich in ihrer Filterbubble einrichten und sich wohlfühlen, je wohler sie sich da fühlen, desto weniger kriegt man „iRL“ von ihnen mit.

erschreckend finde ich die Kommentatoren, die solche Verwirrungen nur einer Klientel zutrauen: nicht-Erwerbstätige Leistungsbezieher, ALG2-Empfänger, also logischerweise nichts als Schmarotzer (wer kam eigentlich auf die Tautologie ‚Sozialschmarotzer‘, wo sollte man denn sonst schmarotzen, als am Sozialwesen… zutiefst hirnrissiger Begriff, wenn man es sich mal klarmacht). denn ganz klar: solche Idiotie kann nur jemandem einfallen, der völlig unterbelichtet ist und deswegen auf Sozialleistungen angewiesen – gleichzeitig aber anscheinend durchtrieben und verschlagen genug, um sich die Leistungen zu erschleichen, zu schmarotzen, denn rechtmäßiger Bezug von Leistungen wäre ja kein Schmarotzertum (vorausgesetzt, es gibt rechtmäßigen Leistungsbezug überhaupt. ich bin mal so humanistisch, und setze das als gegeben voraus).

es ist wirklich bestürzend. wenn heutzutage jemand als komplett unfähig, unglaubwürdig, inkompetent, beschränkt, minderbemittelt oder sonstwie diffamiert werden soll, reicht dazu ein einziger Sachverhalt bzw. dessen Unterstellung: ist nicht erwerbstätig und bezieht Sozialleistungen.

die Propaganda-Maschinerie im Dienst der Entsolidarisierung hat ganze Arbeit geleistet.
angesichts desen, dass heute schon das Fehlen von Erwerbsarbeit ausreicht, Mensch nicht mal zweiter, sondern bestenfalls dritter Klasse zu sein – was auf dem Boden der Entsolidarisierung alles zu wachsen imstande ist oder noch sein wird, macht mir Angst.