Archiv der Kategorie 'Heimathass'

G20 meets Wahlkampf?

Montag, 21.8., sechs Wochen nach G20.
Sechs Wochen nachdem ein schließlich genehmigtes Protestcamp von der Polizei verhindert und geräumt wurde; bei dem Popup-Wurfzelte Anlass für Wasserwerfer waren. Sechs Wochen nachdem die „embedded journalists“ selbst konservativer Medien und sogar ausgerechnet der BILD live von der „Welcome to hell“-Demo twitterten und auch im Nachhinein dabei blieben: Was die Polizei bei der Verhinderung der Demonstration abgeliefert hat, spottet jeder Beschreibung. Sechs Wochen, in denen zunächst noch viel Panik verbreitet wurde, linksradikale Gewalt als DIE Gefahr schlechthin aufgebaut wurde. In denen sich aber auch nach und nach herausstellte: Was in der Hitze der Nacht und des Gefechts zum Betonplatten bewehrten Hinterhalt erklärt wurde und Truppen mit Sturmgewehren den Weg bahnte, waren nur Schaulustige, die möglicherweise Böller warfen, vielleicht aber auch gar nichts.
Jedenfalls, sechs Wochen, in denen von Anfang an viel Kritik an der repressiven Linie gegen die Gipfelgegner auch aus unverdächtigen Ecken zu hören und lesen war und in denen sich manch Schreckensszenario allermindestens als Fehleinschätzung herausstellte.

Und jetzt kommt 3sat in der Themenwoche Demokratie-Dämmerung mit einer Reportage von ZDFZoom daher und teast unter der Überschrift “ Autonom, radikal, militant? Inside linke Szene“:

Die Bilanz ist verheerend: Während des G20-Gipfels 2017 in Hamburg wurden mehr als 200 Polizisten verletzt. „ZDFzoom“ beobachtete die linke Szene vor und während der Gipfelproteste.

Da muss ich jetzt diesen Punkt der verletzten Polizisten vorziehen und kurz wiederholen, dass verletzt nicht dienstunfähig bedeutet und schon gar nicht krankenhauspflichtig. Verletzte Polizisten sind auch: Hitzschläge, Dehydrierung, verstauchter Fuß, Seitenstechen und immer besonders beliebt: Friendly Gas. Man pisst eben nicht gegen den Wind, wenn man ein wenig Ahnung hat. Zurück zu den Verletzten: Dienstunfähige Polizisten gab es afair weniger als 10.

Was ich nicht will, ist G20 re-diskutieren. Anlass des Posts ist der sagenhaft miese Beitrag von ZDFZoom.

Welcome to hell-Demo. „Der schwarze Block formiert sich“, ein „harter Kern“ nimmt die Vermummung nicht ab „– es kommt zur Straßenschlacht“. Das kann man natürlich schon so formulieren. Dann muss man sich aber auch die Kritik gefallen lassen, mit dem Bindestrich ein paar Fakten verdeckt zu haben: Die Demo war teilweise vermummt, aber stockfriedlich, bewegungslos und von drei Seiten eingekesselt durch einen gemauerten Flaschenhals an beiden Seiten und eine Polizeihundertschaft von vorne. Als es zur Straßenschlacht kommt, lautet der Kommentar „Flaschen und Steine gegen Tränengas und Wasserwerfer“, und im Bild fährt eben dieser Wasserwerfer scharf spritzend in die eben noch stillstehende Demo, die keine Ausweichmöglichkeiten hat, frontal hinein, spritzt die Leute von den seitlichen Mauern, auf die sie teils in Panik geklettert sind. Das erfährt aber in der „Reportage“ keine Erwähnung.

„Wir tauchen ein in die Szene“, die klandestine, abgeschottete, schwer aufzufindende. Die rein im Untergrund agierende und daher bis heute kaum bekannte Politpunkband „Slime“ wird interviewt, man traf sich in Osnabrück (vermutlich Backstage, so sah es jedenfalls den Bildern nach aus). „Bullenschweine“, seit Jahrzehnten auf dem Index – wo es heutzutage wahrscheinlich gar nicht mehr landen würde. Im Interview habe sich Dicken als Opfer von Polizeigewalt dargestellt, doch auf der Bühne „unverhohlene Aggression, pauschale Beleidigung“ mittels „All Cops are Bastards“, das als T-Shirt hochgerichtlich festgestellt nicht strafbar ist. Ach ja: Bei G20 seien sie auch aufgetreten. Diese bösen Gewalttäter von Slime und ihre „Szene“.

Dann wieder zurück zu G20 und den verletzten Polizisten. Die Feinheiten beamteter Verletzungen werden selbstredend nicht erklärt. Genauso wenig wie die Tatsache, dass es auf Seiten der Gipfelgegner, und selbst vollkommen unbeteiligter Anwohner, Partygänger, Passanten, ebenfalls eine erkleckliche Zahl Verletzter gab, ohne dass die jeweils unmittelbar in Akte verwickelt gewesen wären, dass eine solch brachiale Gegenwehr seitens der Polizei nötig gewesen wäre. Mehrfache Berichte aus verschiedenen Perspektiven – die dadurch den Verdacht, eine Falschmeldung sei wieder und wieder verbreitet worden, nicht allzu nahe legen – berichteten beispielsweise von einer Gruppe Personen, die auf ein Geländer zu und durch weiteres Anstürmen der Polizei darüber hinweg bzw. durch dieses hindurch gedrängt wurde, hinter dem Geländer aber ein Höhenunterschied von mehreren Metern auf eine harte/betonierte Fläche bestand. Mehrere Personen aus der Gruppe stürzten die Mauer hinunter und verletzten sich dabei schwer, es wurde mehrfach von offenen Knochenbrüchen berichtet und im Nachgang dazu noch als Krönung verzögerte Hilfsmaßnahmen und weitere Gewaltanwendung durch die Polizei. Klingt jetzt irgendwie komisch und geschraubt, ich bemühe mich aber um eine neutral gehaltene Schilderung meiner Erinnerung an die diversen Berichte.

Als Zentrum der linken Umtriebe wird Berlin ausgemacht und ausgiebig Stellungnahmen eingeholt von der dortigen, eigentlich doch noch recht frischen RRG-Regierung. Fein säuberlich die Parallelen hervorhebend, die die Politiker bei ihren Aussagen mit den kriminellen, schier terroristischen Gewalttätern der linken Szene verbinden.

Der Beitrag schließt mit dem menetekelnden Fazit:
„Die Sicherheitsbehörden haben gewarnt. Es war die Politik, die das wohl unterschätzt hat. Jetzt muss sie Antworten finden auf drängende Fragen zum Thema Extremismus von Links.“

Die journalistischen Schwächen, gepaart mit der Rethorik „wir tauchen ein in die Szene“ – und fanden dabei seltsamerweise immer offene Leute vor, die freigiebig Auskunft gaben, unvermummt, ohne Stimmverfälschung und Schattenleinwand –, die kaum verhohlene Gleichsetzung von Politikern, die sich zu Antifaschismus und Antirassismus bekennen mit der halb im Untergrund agierenden „linken Szene“ und dem mahnenden Schlußwort, das auch noch mal fürsorglich die aufpeitschenden, Terror konstruierenden ‚Sicherheitsbehörden‘ in Schutz nimmt, hinterlässt der Beitrag bei mir nur einen Eindruck: Recht gezielt zum Wahlkampf gelauncht und im Auftrag des ZDF produziert eventuell bis vermutlich wohltätig gesponsort aus der Richtung INSM und Interessenverwandte.
- Wenn ein Fernsehbeitrag einer ansonsten relativ guten Reportagereihe einen so eklatant miserablen Ausreißer hinlegt, muss man sich doch fragen: Cui bono.

----
Zum Erinnern an G20 ein paar (Tausend) Links aus meiner subjektiven, tendenziösen, persönlichen Sammlung

… ich könnte noch stundenlang weiter Links hier einkopieren. Die Twitter-Links sind übrigens keine „ich werd grade verprügelt“-Einzelmeldungen, sondern Screenshots von oder Links zu ‚offiziellen‘ Meldungen

erschreckend. und voraussehbar.

FAZ-Durchschnittsdeutsche laufen den Volksparteien davon

„ziemlich erschreckend“ kommentiert die Facebook-Freundin den verlinkten Artikel aus der FAZ „Die da oben machen einfach alles falsch – Warum Wähler abwandern“ vom 12.01.2017.

leider find ich es nicht erschreckend, sondern nur die Quitting, die Ernte der Entwicklung der letzten Jahre bis Jahrzehnte.

der Sozialneid ist das, was sichtbar wird, die umgewandelte Angst.
weil es keinerlei Sicherheit mehr gibt, auf einmal über jedem das Damoklesschwert Hartz-IV schwebt, wenn der Job verloren geht, was inzwischen auch jeden treffen kann. die Angst kann man nicht gut managen, Neid und Hass sind besser auszuhalten.
dass ausgerechnet da die Angst und diffuses Unbehagen vor „Anderen“ bzw. Ausländern am Größten sind, wo es faktisch gar keine gibt, ist auch nicht nur ein Phänomen aus Haßloch, sondern ziemlich flächendeckend zu beobachten. wo kein eigene Anschauung möglich ist, weil eben kein Ausländer da ist, sind die Vorurteile am Stabilsten – ist vermutlich ein Teil der Erklärung für das Phänomen.

dazu noch lauter Dinge, die „man doch noch wird sagen dürfen“… mglw. auch mehr Mut, wieder auszusprechen, was eigentlich immer die Meinung war, aber nicht laut gesagt wurde – aber inzwischen sagen es eben viele, die **GIDAs hier, falsche oder überaktive Accounts in sozialen Medien da… wo man früher vllt. einen Leserbrief geschrieben hat, der nicht mal sicher abgedruckt wurde, entbrennt jetzt unter jedem einschlägigen Nachrichtenartikel eine Kommentarflut und erweckt den Eindruck, dass es eine Meinung aus der Mitte der Gesellschaft sei.

Solidarität ist auch schon lange nicht mehr en vogue. so Wassertropfen wie eine Sommerlochforderung, dass Risikosportler Sportunfälle aus der eigenen Tasche bezahlen sollen und nicht die Krankenkasse belasten, setzen sich mit der Zeit halt doch in den Köpfen fest. die Entsolidarisierung bleibt irgendwann hängen, keiner gönnt dem anderen mehr die Butter auf dem Brot, oder das abgesicherte Freizeitvergnügen, oder den Mindestlohn von dem man in Ballungsräumen auch nicht leben kann, ohne zusätzlich ALG2 beantragen zu müssen. und auch das gönnt einem der Nachbar nicht, wer ALG2 kriegt, schmarotzt doch eh nur und lebt auf Kosten anderer.

Sozialneid und Anspruchshaltung, das passt ja auch zusammen, wenn man sich das so anschaut. laut der unterklassigen Medien und Propaganda der Parteien – die einen schwärzen Ausländer und Migranten an, die anderen Leistungsempfänger, da spielen so gut wie alle gleich mit – kriegen ja immer alle anderen die Leistungen nachgeworfen. ist doch nur logisch, dass da Sozialneid aufkommt, und eine Anspruchshaltung, dass man das mir gefälligst auch frei Wohnungstür serviert. frage mich, wie man das nicht spontan verstehen kann.

und diese ganze Saat aus Neidpropaganda, Suggestion, dass man das selbst viel mehr verdient hat etc. pp., die geht jetzt auf. und ein paar findige Rattenfänger greifen vage Ressentiments auf und erzählen, sie würden das alles verbessern (dabei wollen grade die die Sozialversicherung ganz abschaffen, aber dafür müsste man ja ins Programm schauen, was ja nun wirklich keiner macht). eigentlich kann es da nicht wundern, dass die dann vorübergehend Zulauf bekommen. 4-5 Jahre später, wenn sich rausstellt, dass die auch nichts verändert haben, wird das hoffentlich wieder abebben – hoffentlich. wenn in der Zwischenzeit nicht die kritische Masse überschritten wurde – und DAgegen helfen Politiker zu Fuß nix, da hilft nur richtig umkehren, das Privatisieren und Entsolidarisieren endlich aufgeben… aber ich hab auch mehr Angst als Hoffnung.

2017 direkt weiterkotzen

31. Dezember 2016 gg. 23h, die Polizei Köln twittert mit ihrem offiziellen Account:

#PolizeiNRW #Silvester2016 #SicherInKöln: Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen.

inkl. Bild mit entsprechender Unterschrift „Kontrolle von Nafris am Hauptbahnhof“
(Link zum Tweet)

was, zur Hölle, ist ein Nafri?
die Frage stellt sich auch in den Kommentaren zum Tweet und wird dort auch schnell beantwortet: „Nafri“ steht für „Nordafrikanische Intensivstraftäter“

OK. die Polizei Köln hat also ausgerechnet zum Silvesterabend mehrere Hundert Bekannte Straftäter zum Bahnhof gebracht, um sie dort zu überprüfen. irgendwie unvorsichtig, oder?
achso nein, so ist das nicht gemeint?

ah, die Aufklärung sieht so aus:
viele Leute wollten wie letztes Jahr unterm Dom – also gleich beim Hauptbahnhof – Silvester feiern. wegen der unglückseligen Vorfälle letztes Jahr hat die Exekutive in diesem Jahr einen bestimmten Personenkreis schon im Bahnhof abgefangen und vor dem Zutritt zum Domplatz gesondert kontrolliert.
so weit, so gut

unerträglich unappetitlich dabei:

  1. abgefangen und ausgesondert wurden praktisch ausschließlich Personen, die augenscheinlich einer bestimmten Gruppe zugeordnet werden können, nämlich Nordafrikaner und evtl. auch Südeuropäer.
  2. diese Personen wurden in der Mitteilung via Twitter pauschal als Intensivstraftäter vorverurteilt, obwohl sie dort lediglich zur Kontrolle standen. es gab insgesamt 6 (!) Festnahmen, bei Anwesenheit besagter Intensivstraftäter wäre wohl auch von einigen Festnahmen mehr auszugehen gewesen zB wg. vorhandener Haftbefehle
  3. der Polizeipräsident rudert am nächsten Tag zurück, man hätte „Nafri“ nicht nach außen kommunizieren sollen.
  4. der gesamte rassistische Mob in Kaltland feiert das Vorgehen und geht mit verbalen Fackeln und Heugabeln gegen alle Kritiker vor

ad 1)
Das ist schlicht und einfach racial profiling. da gibt es nichts dran schönzureden. die Menschen wurden schlicht und einfach anhand optischer Kriterien herausgegriffen. da liegt nicht mal der unten aufgeführte Zeit-Kommentar richtig, wenn er von „nordafrikanischen Männern ohne Begleitung“ schreibt. es gibt etliche Zeugenberichte von gemischten Freundesgruppen, aus denen auch Türken, Griechen etc., herausgegriffen wurden und zumindest vorerst am Betreten des Platzes gehindert.
umgekehrt wurden bekanntermaßen nicht weniger übergriffige an- bzw. betrunkene deutsche bzw. hellhäutige männliche Personen keines Blickes gewürdigt.

ad 2)
nochmal der Reihe nach. „Nafri“, leider muss ich die unsägliche Vokabel noch ein paar Mal benutzen, bezeichnet Intensivstraftäter – also Personen, die mehrerer Straftaten überführt werden konnten. in der Warteschlange vor dem Domplatz standen Personen, die im Bahnhof aufgrund ihres Äußeren aus der Menge herausgegriffen wurden. sie sind also höchstens verdächtig, aber keineswegs nachgewiesenermaßen Straftäter. mag sein, dass die Exekutive auch Verdächtige unter den selben Hut schiebt wie nachgewiesene Täter. das würde in der Tat einiges erklären, was man im Laufe der Jahre so alles erlebt hat. abseits des Polizeijargons und des Dienststellendenkens ist eine solche Bezeichnung aber schlicht sachlich falsch und logisch nicht haltbar.
im aktuellen Zusammenhang ist die Bezeichnung auch noch geeignet, bestehende Ressentiments zu verstärken – vllt. könnte man da sogar über Volksverhetzung nachdenken.

ad 3)
am nächsten Tag kam einiges zum Hintergrund dieses Begriffs „Nafri“ auf. er stammt wohl aus einem internen Papier der Polizei Köln oder NRW (ich hab mir nicht jedes Detail reingetan, imho tut es auch nichts zur Sache, wo genau das Papier entstanden ist). dem Kölner Polizeipräsident Mathies zufolge hätte der Begriff nicht nach außen kommuniziert werden sollen.
im Dienstgebrauch ist es aber total in Ordnung, schon einen griffigen Begriff zur Hand zu haben, damit man potentielle Verdächtige gleich in die richtige Schublade stecken kann…?
das klingt viel zu theoretisch-psychologisch, aber es ist doch auch nicht von der Hand zu weisen: wenn es für etwas einen eigenen Begriff gibt, wird es greifbar(er). wenn eine bestimmte Gruppe einen eigenen Oberbegriff bekommt, im strafrechtlichen Kontext, dann wird man vermutlich annehmen, dass es dafür einen Grund geben muss, dass ausgerechnet die schon einen eigenen Namen bekommen haben.
aber gesonderter Name hin oder her: „nordafrikanische Intensivstraftäter“ – die kann man NICHT anhand der Hautfarbe, Kleidung, Dialekt, Akzent, Muttersprache etc. VORAB erkennen. kein Normalmensch und keine Exekutive. entsprechend kann sie auch keiner absondern, um andere Einlasskontrollen vorzunehmen.
vielleicht bin ich naiv, aber ich bin der Meinung, die Exekutive hat neutral zu sein, zu handeln, zu kommunizieren. wenn die Exekutive sich von Vorurteilen, Stereotypen und einfachen Begrifflichkeiten lenken lässt, und sei es nur unbewusst (zB weil ein leichtfertig eingeführter Begriff die Wahrnehmung geprägt hat und keine Reflexion drüber passiert), gefährdet das imo die ganze Demokratie.

ad 4)
das Geifern und Kreischen durch alle Kommentarzonen kann man sich kaum vorstellen, es ist widerwärtig, beängstigend, und ekelerregend. der Boden bereitet seit „das wird man ja noch sagen dürfen“ ist die Ernte bald reif und mir wird Tag für Tag schlecht, dabei vermeide ich schon fast alles, was auch nur aussieht wie ein Leserkommentar.
schlimmer noch, selbst Leute, die innerhalb ihres eigenen Kommentars herumschwimmen mit „Ich weiß, das klingt schlimm, ich mag das auch eigentlich gar nicht schreiben“ (und aufgrund der Umstände, unter denen ich den Kommentar mit diesem Zitat gefunden habe, bin ich einfach mal so wagemutig (oder doch nur naiv?) und unterstelle nicht, dass es sich nur um eine Abwandlung von „ich bin ja kein Nazi, aber“ handelt), kriegen den mentalen Sprung nicht hin, auf die Frage, „was hätte die Polizei denn machen sollen?“ schlicht logisch und folgerichtig zu antworten:
1a) alle komplett kontrollieren/generelle Zugangskontrollen am Domplatz (in Sachen „geht logistisch nicht“: in Frankfurt/Main hat man das für Mainufer und Brücken kurzerhand so praktiziert) oder
1b) generell „nur“ stichprobenartig kontrollieren; jedenfalls für 1a) als auch 1b) sich nicht auf eine Subgruppe Silvesterfeiernde beschränken
2) präventive Präsenz auf dem Domplatz zeigen und als Ansprechpartner erkennbar und erreichbar sein
3) auf gar keinen Fall diesen Tweet mit dieser Wortwahl veröffentlichen.
die nicht-gemäßigten Stimmen, die Geiferer und Eiferer ziehen jetzt über jeden her, der es wagt, zu sagen, das Vorgehen war nicht 100% in Ordnung, Ton und Ausdrücke, die da benutzt werden, kann, aber will man sich nicht vorstellen. bei Licht betrachtet kann das aber auch nicht mehr überraschen. das Geschrei in den Kommentarzonen müsste man inzwischen eigentlich gewöhnt sein. verwundern braucht es einen also nicht mehr, deswegen muss es einen aber auch noch lange nicht kalt lassen.
so oder so. die Exekutive hat in meinen Augen unabdingbar neutral zu sein, wie grade schon erwähnt. wo sie das nicht hinbekommt und/oder sich auch ganz offenkundig daneben benimmt, muss Kritik nicht nur erlaubt sein, sondern verkraftet werden und noch viel mehr: Angenommen werden und konstruktiv umgesetzt.
„hätte nicht öffentlich verwendet werden dürfen“ ist übrigens keine konstruktive Umsetzung…

Inzwischen gibt es zum Glück auch einen Artikel in der offiziellen Presse, der ebenfalls Kritik am Vorgehen und den Stimmen dazu übt: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/polizeieinsatz-koeln-silvester-racial-profiling/komplettansicht. Seit ich den gelesen hab, und ich hoffe, ich hab da nicht nur reingelesen, dass er nicht auf Seiten der Rassentrenner steht, bin ich nicht mehr zu 110% verzweifelt über die Welt. Aber immer noch zu 100%, denn ich befürchte, es ist reichlich gefährlich geworden in diesem Land. Hoffentlich haben wir noch Zeit und Gelegenheit, zu verhindern, dass sich alles wiederholt, von dem doch eigentlich alle sehen müssten, dass wir uns drauf zu bewegen – und dass das auch 80 Jahre später nicht gutgehen kann.

tiiieeef durchatmen… AAAAHHH! #2

es bräuchte mehr als nur einen Stoßschrei, aber wenn ich mich mit dem Thema zu arg befasse, muss ich Waffen kaufen (salvatorische Klausel: das ist natürlich nur metaphorisch gemeint, um meine Wut anschaulich zu beschreiben, ich habe nicht ernsthaft vor, physische Gewalt anzuwenden).

bei jeder verfickten kleinen Meldung kriechen sofort die Nazis aus ihren Löchern und haben nichts anderes zu tun, als drauf hinzuweisen, dass das natürlich nur von Immigranten und Flüchtlingen bzw. Muslimen begangen worden sein kann.

das ist der eine Aufreger.

der noch viel schlimmere ist, dass sie sich das ganz unverhohlen äußern trauen. weg war das Pack mit Sicherheit nie, aber es traut sich wieder, sein verschissenes Maul aufzureißen, weil man das ja noch wird sagen dürfen.

und der dritte Aufreger?
das ist die bescheuerte, verflixte, verkopfte, überintellektuelle Linke, die wichtiger findet, dass die Transpis sauber gegendert sind und dass man mit demunddem aber nicht paktieren darf, weil da mal sonstwas war, anstatt sich auf das momentan Wichtige zu konzentrieren, dass der gemeinsame Nenner immer noch gilt und aktueller ist denn je: NAZIS RAUS – das Kleinklein kann man immer noch später regeln.

So geht ’s aber nicht!

„Warum sind die nagelneuen Unterkünfte nach zwei Tagen dreckig und vermüllt?“ steht im Tweet von Morbus Laetitia.

nix gegen sie. ich verstehe die Frage schon. sie wurde auch nicht in unempathischem Kontext gestellt, sondern ganz aufgeschlossen und ausgewogen. das nur vorab.

nur fallen mir so viele gute Gründe ein, warum Unterkünfte für Flüchtlinge nach 2 Tagen ziemlich abgerockt aussehen.
vorab empfehle ich, sich den Text von Tina Beckmann zu Gemüte zu führen. der ist fiktiv, aber aus diversen realen Erlebnissen zusammengesetzt, und wer geistig nicht komplett vernagelt ist, kommt durchaus zu der Erkenntnis, dass es sich da nicht um übersteigerte Fiktion handelt, sondern um die Lebensrealitäten der allermeisten Menschen, denen ein morsches Boot auf dem Mittelmeer das geringere Übel erscheint, als da zu bleiben, wo sie bisher waren.

bereits im Rahmen der Tweets begann die Debatte, ob und wie traumatisiert die Geflüchteten sind, und ob es überhaupt eine geeignete Methode sein kann, sie ohne therapeutische Betreuung einfach so zu verstauen.
natürlich kann es keine geeignete Methode sein, aber. aber woher soll man geeignete Betreuung nehmen. oder gar bezahlen. deswegen kann man die Leute aber nicht abweisen. traumatisiert in Sicherheit ist immer noch besser als weiter traumatisiert oder weiterhin in Lebensgefahr.

durchschnittlich kann man wohl davon ausgehen, dass die Betroffenen erschöpft sind, verängstigt, abgekämpft, trauernd um Angehörige, liebgewonnenes, das Zuhause etc.pp., usw.
dann kommen sie nach wochenlanger Odyssee endlich irgendwo an (werden auch noch begrüßt von Feindseligkeit und Brandanschlägen, aber lassen wir das mal außer Acht, der Beitrag eskaliert sonst total). kriegen ein paar Kleidungsstücke in die Hand gedrückt und was weiß denn ich, ein Brot meinetwegen, und kriegen ein Zimmer gezeigt, wo sie jetzt erstmal bleiben können.

die Menschen werden in Zeltstädte gesteckt, weil man nicht weiß wohin mit ihnen, da kann man wohl davon ausgehen, dass es eng zugeht, dass viele, viele Menschen auf kleinem Raum versammelt sind. das wird wohl auch für festere Unterkünfte nicht viel anders sein.

ich muss nicht mal die abgekämpfte Mutter herbeizitieren, die seit 3 Wochen ihr Kind trägt und einfach nicht mehr stehen kann. entsetzlicherweise schaffen es ja viele Frauen und Kinder gar nicht erst hierher.

aber auch bei „jungen, gesunden“ Männern habe ich keine Probleme, mir folgendes vorzustellen: 50 Männer auf engem Raum, aus den verschiedensten Ländern, mit relativ wenig Gemeinsamkeiten außer der einen, großen: sie haben nichts mehr, außer dem Schlafplatz, 2 Hosen und 2 Pullovern, und hoffentlich noch etwas Kontakt nach Hause. trotzdem sind sie allein in der Fremde, haben auf der Flucht ziemlich sicher Unbeschreibliches gesehen, möglicherweise geliebte Menschen verloren, sicher aber zurückgelassen. ihr Leben, wie sie es kannten, existiert nicht mehr. was vor ihnen liegt, wissen sie nicht.

fiele einem von „uns“ in dieser Situation ein, zu PUTZEN?
hätte einer von „uns“ in dieser Lage die Nerven, sich unterweisen zu lassen, wie man in Kaltland korrekt Müll entsorgt?

dazu kommt noch:
draußen regnet es, 50 Menschen kommen mit nassen Schuhen ins Haus und gehen durch den Flur (auf die Idee, man solle Hausschuhe ausgeben oder die alle die Schuhe ausziehen, kommt jetzt hoffentlich keiner im Ernst). es wimmelt überall von aufgewühlten, womöglich desorientierten Menschen, die erst seit 2 Tagen hier sind, die noch nicht glauben können, auch nur auf einem Feldbett schlafen zu können. die Unterbringung ist nicht auf die Anzahl ausgelegt, die tatsächlich gekommen ist, sanitäre Einrichtungen sind dauerbesetzt, selbst große Müllsäcke in Minuten voll.

ehrlich. ein bisschen Geduld. ein bisschen Langmut. die Leute erstmal zu Atem kommen lassen, sie ein paar Tage Sicherheit fühlen lassen. dann kann man doch immer noch deutsche Kasernenhofsauberkeit einfordern.

(ja, ich bin SEHR beeindruckt von Tina Beckmanns Text. Nachhaltig. unter diesem Einfluss steht logischerweise der gesamte Text hier, der vollkommen meinem Vorstellungsvermögen entsprungen ist, da ich keine Ahnung habe, wie es realiter ist, zumindest nicht mehr als durch spärliche Medienbilder. notfalls liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.)