Archiv der Kategorie 'Ihr lügt doch alle!'

Fightspotting

unsere Kinderbücher und das Leben, das wir sahen, haben uns was erzählt von Lokführern, Handwerkern, Metzgern, Lieferanten und Straßenarbeitern.
jetzt stehen wir da, mit Hochschulreife und mit oder ohne akademischen Abschluss, irgendwo verloren zwischen Theorie und Verwertungslogik, und nur ganz manchmal fällt noch auf, wie künstlich und losgelöst vom Leben das alles ist.

wenn wir groß wären, dann würden wir mit einem coolen Auto spontane Trips in andere Städte machen, einkaufen, feiern und wieder nach Hause fahren, mit lauter Musik und offenen Fenstern. heute gibt es keine solchen Autos mehr, den Sprit können wir uns von den prekarisierten Jobs gar nicht mehr leisten, von einkaufen und feiern ganz zu schweigen.

wir sind die, deren Welt kein Gegenmodell mehr einbremst und die, die schon fast vergessen haben, dass es mal so war. der Grundschullebenslauf der Kinder muss dynamisch und zielstrebig sein, sonst klappt die Aufnahme auf der Wunschschule nicht, und so geht das immer weiter. nicht für die Schule, für unseren CV lernen und leben wir. sei herausragend angepasst, entschlossener und zielstrebiger Befehlsempfänger und glaube an die Illusion, du könntest irgendwohin aufsteigen, wenn du dich nur genug anstrengst.

das System, in dem wir aufgewachsen sind, frisst sich selbst auf, doch etwas anderes haben wir nicht gelernt. also Augen zu und durch, nicht hinschauen und hoffen, dass der große Knall erst kommt, wenn wir genug Schäfchen im Trockenen haben, oder wenigstens schon out-ge-burned den Löffel abgegeben haben.

ein anderes Dogma als Wachstum kennen wir nicht, doch nagt manchmal der Zweifel, dass es nicht endlos weitergehen kann. aber Stillstand ist doch Rückschritt, so hat man uns gelehrt. und Widerstand ist zwecklos. es besteht immer noch die Möglichkeit, dass die Skepsis unbegründet ist, also schön stillhalten, weiter funktionieren, Kopf einziehen und nicht unangenehm auffallen. Querköpfe und Individualisten sind nur als Vokabeln willkommen, damit sich unsere Unternehmen weltoffen geben können. in Wirklichkeit wird man ganz schnell ersetzt durch den nächsten Lebenspraktikanten mit Fristvertrag, wenn man nicht aufpasst und jemand aufmerksam auf einen wird.

nicht hochschauen und nicht drüber nachdenken. nicht auf die Möglichkeit einlassen, dass alles nur künstlich und Attitüde ist, denn damit würden wir gar nicht klarkommen. und hilflos wären wir auch, denn dadurch, dass alle mitspielen, wurde die Alternativlosigkeit Realität. wir fühlen uns in der Schublade wohl, angeblich in keine Schublade zu passen. wir sind unglaublich frei, frei uns zu verkaufen, unsere Haut zu Markte zu tragen, uns komplett den Anforderungen anzupassen, die willkürlich an uns gestellt werden, oder unterzugehen.

wir sind aufgewachsen mit Trainspotting und Fight Club und schreiben unseren Frust doch nur in nihilistischen Monologen heraus, das wird uns langsam klar. wir sind ganz kurz vorm Ausrasten, aber wer braucht schön Lösungen, wenn er Heroin hat. und unser Heroin heißt Konsum, Angst vor Armut, wohlkalkulierter Individualismus und die Gewissheit, besser zu sein als die anderen. über das größere Auto sind wir dabei längst erhaben. wir sind besser, da wir gebildeter sind, nicht faul sind und nicht schmarotzen, die höheren moralischen Standards haben, uns umweltbewusster, tierfreundlicher, fairtradender verhalten und jedes Jahr zu Weihnachten 200€ spenden.

an irgendetwas muss man sich schließlich festhalten, wenn die Unsicherheit groß genug geworden ist, jeden Tag kann alles weg sein, Job, Ersparnisse, Wohnung, Status, Freundeskreis und Zukunftsaussichten.
mit fest zusammengekniffenen Augen und sich langsam lösenden Schrauben immer schneller voran. und kein Tyler Durden weit und breit, dem wir an unserer Statt in den Mund schießen könnten, um den Albtraum zu beenden.

Coke bei 38°C

Ich sag es ganz offen: Ich mag es nicht warm. Irgendwo zwischen 28 und 31°C hört meine Wohlfühlzone ein für alle Mal auf. Entsprechend heiter bin ich dieser Tage.

Dabei handelt es sich doch nur um ein, man verzeihe mir das kleine Wortspiel, Warmlaufen. Denn, wie die FR ganz richtig schreibt, es „bereitet sich die Erde gerade auf die Verhältnisse vor, die uns auf unserem neuen Planeten erwarten, wenn der alte endlich kaputt ist“. Der DWD nahm auch schon mal kurz Stellung zur Klimakonstellation, und kann, aller Vorsicht bei derartigen Aussagen zum Trotz, nicht umhin, zuzugeben, dass es eine Häufung von „Hitzeperioden seit den 1980er Jahren“ gibt.

So weit, so schlecht. Das ist das Eine, gegen das man jetzt auch kaum noch etwas machen kann (von Prophylaxe, dass es noch schlimmer kommt, mal abgesehen).

Das Andere ist aber, mit dem Status Quo sinnvoll umzugehen.
In aller Regel muss man sich in Deutschland nicht ums Wasser sorgen (vgl. hierzu z.B. Kalifornien), Häuslebauers Vorgarten ist also kein Thema, und seine Autowäsche auch nicht.
Auf dem flachen, sich langsam aber sicher entvölkernden Land muss man im Sinne dieses Postings auch nichts tun. Mir geht es ums Städtebauliche.

Was bedeutet „Stadt“ denn eigentlich so? Viel Bevölkerung, viel Verkehr. Also, viel versiegelte Fläche, wie man so schön sagt. Und das ist exakt das Problem, das Städte klimatisch bedeuten.

Der Wetterbericht prophezeit die ganze Zeit relativ erholsame kühle Nächte, die aber nicht passieren. Also, in der Stadt nicht passieren. Denn die Stadt, die aus Beton und Stein besteht, speichert die Wärme des Tages und gibt sie in der Nacht wieder ab. Jede Straße, jede Mauer, jeder Dachziegel hält die Nacht warm.
Die Stadt kann sich also nicht abkühlen.

Gleichzeitig kann sie auch noch etwas anderes nicht: Kühle Luft aktiv produzieren. Wie, kühle Luft produzieren? Das ist ganz anschaulich, sobald man einen Moment ans Barfußgehen denkt. Straße und Asphalt sind in einer Sommernacht noch warm vom Tag (siehe auch oben). In einer Wiese ist das Gras hingegen sprichwörtlich kühl. Und das fühlt sich eben nicht nur so an, da findet tatsächlich aktive Produktion kühler Luft statt.

Im Gegenzug produziert die Stadt aber neben der Sonnenwärme, die sie speichert, auch noch eigene Wärme selbst. Durch Klimaanlagen, Kühlschränke, Kühlhäuser, Warmwasserproduktion und jeden einzelnen Motor, Auto, Moped, Bus, aber auch Aufzug, S-Bahn, Zug, etc. pp. Je wärmer es also generell wird, desto wichtiger ist für die Stadt, die Erwärmung wenn schon nicht zu vermeiden, dann doch wenigstens auszugleichen – durch Kaltluftproduktion.

Dank größtenteils versiegelter Flächen ist die Produktion kühler Luft in der Stadt aber eben ausgesprochen überschaubar. Grünflächen sind Mangelware, vorhandene werden schon mal aus Gründen der Pflegeleichtigkeit geschottert. In schicken Neubauvierteln werden welche mit viel zu wenig Mutterboden neu angelegt, so dass im Sommer auch nur verdörrte Halme in der Sonne gelb und wenig attraktiv geschweigedenn nützlich herumstehen. Flachdächer zu begrünen ist auch so eine Sache für Fundi-Grüne und Hardcore-Ökos. Jedenfalls nichts, was gefordert oder gar nachgeholt werden würde.

Und so kommt es zu der supertollen Situation, dass die Menscheit sich ein Klima geschaffen hat, dass derzeit offenbar in der Pubertät ist und dauernd übertreiben muss, und gleichzeitig lässt man alle Optionen verstreichen, die geeignet wären, die aktuelle Lage zu entschärfen oder auch nur zu lindern.

Zyniker könnten jetzt behaupten: Wozu auch, die 1% haben ja ohnehin Villen vor der Stadt und vor allem: Klimaanlagen.

Plausibler finde ich eine andere Erklärung: Nachdem ja selbst ich das weiß, ist das wohl nicht all zu schwer zu durchblicken. Umweltämter, Metereologen usw. wissen sowas sicher auch. Und haben ihre beratende Funktion gegenüber der Politik. Und beim Beraten liegt der Hund begraben. Auflagen für Baugenehmigungen, vernünftig angelegte und gepflegte Grünanlagen, das ist alles nicht rentabel im Sinne von 3-Monats-Bilanzen und Legislaturperioden. Und so verdampft das ganze schöne Wissen um Mikroklimatik in der Hitze der städtischen Betonwüsten, weil jeder nur in diesen Maßstäben denkt statt in Dekaden.

Sportsoldaten

Das ist jetzt wieder so ein Thema, das schon länger gärt. Frisch angetriggert wurde es durch meine Schlaflosigkeit und die Abgründe des Fernsehprogramms zur späten Nacht. Da brachte ein kleinerer Privater ein längeres Feature über die 80er Jahre. Offenkundig eine US-Produktion. Mit viel Hurra-Patriotismus selbstredend. Ein mittelgroßes Kapitel widmete sich auch den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid.

Da muss es so ein nationales Hochgefühl gegeben haben, als die US-Mannschaft im Eishockey gegen die der UdSSR gewann. Um die Legendenbildung zu verstärken, wurde extra herausragend betont, dass die Collegeboys der Amis es mitnichten mit Amateur-Sportlern zu tun hätten, sondern mit speziellen Soldaten, die 11 Monate im Jahr trainierten.

Das erinnerte mich an das Wort, das meiner Erinnerung zufolge immer eher despektierlich gebraucht wurde, wenn es um Ostblock-Sportler ging: Sportsoldaten.
Gemeint war damit so in etwa das Gleiche wie oben: Nur noch so genannte Amateursportler, die in Wirklichkeit aber professionell trainierten und weit mehr Zeit dafür aufwenden konnten, da sie quasi hauptberuflich „eigentlich“ Soldaten waren, deren Aufgabe aber eben nur der Sport sei.
Gegen diese Perfidität des Kommunismus hatten unsere Amateure natürlich krasse Nachteile!

Völlig aus der Mode gekommen ist der Begriff – meiner Medienrezeption nach zumindest – seit dem Wegfall des roten Feinds im Osten. Dass die „westdeutschen“ Spitzensportler, besonders im Wintersport, fast sämtlich bei Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll ‚angestellt‘ sind, erwähnt kein Schwein mehr. Aufschlussreich dazu auch der entsprechende Wiki-Artikel.

Natürlich alles vollkommen legitim, wenn das der Westen macht. Ja ne, is klar …